Immer noch wütend: Zugezogen Maskulin - Alle gegen alle

Geschrieben von: Paul Schall am .


Zugezogen Maskulin, Pressefoto: Robin Hinsch

Wenn erst ALLES BRENNT, dann kämpfen anschließend ALLE GEGEN ALLE, da sich doch jeder selbst der Nächste ist. Die Wahlberliner Zugezogen Maskulin veröffentlichen nach zweieinhalb Jahren Wartezeit ihr neues Album, das musikalisch auch mal ruhigere Töne anspielt, textlich aber keineswegs. Zugezogen Maskulin sind immer noch wütend und das völlig zurecht. Wer sich in der Musikgeschichte ein wenig auskennt, dem ist der Albumtitel der Punkrockband Slime mit Sicherheit geläufig, womit man Grim104 und Testo zumindest eine gewisse Sozialisation unterstellen könnte. Das Intro erinnert stark an das „Trojanische Pferd“ der Antilopen Gang und baut ungefähr eine Minute Spannung auf, ehe die beiden Rapper in gewohnt zorniger ZM-Manier loslegen. Wie ein Sommerhit kommt das Lied „Was für eine Zeit“ daher, das vor allem der Musik und der Textzeile des Refrains geschuldet ist. In den Strophen allerdings wird klar, um was es wirklich geht. Die Abscheu gegenüber der Lethargie und den Lifestyle der Jugend: „Schreib bitte die Eins aus, sonst schlag ich dir den Schädel zu Brei.“

In dem Lied „Uwe und Heiko“, zu dem es vor dem Erscheinen des Albums bereits ein Video zu sehen gab, wird das trostlose Aufwachsen auf dem Land beschrieben und obwohl „es noch gar nicht lange her [ist], nur eine halbe Ewigkeit“ wirkt das früher so Vertraute heute eher fremd. Der drückende Beat verstärkt die Melancholie des Liedes zusätzlich. Besonders positiv zu erwähnen ist auch das Lied „Stirb“, vielleicht auch weil es mit „Was für eine Zeit“ und „Uwe und Heiko“ am meisten an das Vorgängeralbum erinnert. Textlich geht es um die kranke Gesellschaft, die sich unter anderem im Gesundheitswahn befindet: „Detox, Detox, Detox,spül das Gift aus deinem Körper, meine Eltern haben geraucht, wenn Eltern rauchen, werden sie exekutiert. Von einem wütenden Mob mit Steinen zu Quinoa püriert.“ Zugezogen Maskulin sind mit den gegebenen Zuständen nicht zufrieden: „Ich weiß auch was passieren muss, ihr seid 80 Millionen, die man umerziehen muss.“ Die zuletzt genannte Textzeile erinnert wieder an die Feuilleton-Rapkollegen der Antilopen Gang: „Ihr seid 80 Millionen, die man abschlachten muss“ aus deren Lied „Anti Alles Aktion“.

Das ambivalente Verhältnis zwischen den Beats/ der Musik und den Texten macht manchmal etwas stutzig. Ebenso wie der genutzte Autotune-Effekt, aber ich habe auch keine Ahnung, wofür man den braucht. Die Texte sind voller Hass, Depressionen und noch mehr Hass ohne dabei irgendwie politisch plakativ zu werden. Raptechnisch ist es sehr abwechslungsreich. Da gibt es einmal die verzweifelt geschrienen Parts von Grim104 und die verzweifelten Parts von Testo, die eher beruhigend daherkommen, was dem ganzen etwas Trauriges verleiht.

Insgesamt auf jeden Fall ein sehr gelungenes Album, mit dem ich mich zunächst schwer getan habe, was vor allem daran liegt, dass durch den Vorgänger die Messlatte doch sehr hoch gelegt wurde.

(Paul Schall)

Links:
www.facebook.com/ZUGEZOGENMASKULIN
www.zugezogenmaskulin.de

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