Starren auf Spiegelbilder: Krawehl - s/t

Geschrieben von: Micha Schmidt am .


Krawehl, Pressfoto

Ich hatte schon früh Zeit, die neue Krawehl zu hören und man sollte meinen, dass ich mir bis dahin auch ein festes Urteil gebildet habe. Faktisch bin ich unentschlossen, was ja auch ein Urteil und noch nicht mal ein schlechtes ist. Und dennoch abreitet es in meinen Kopf, woher diese Unentschlossenheit stammt und wie ich ihr begegnen sollte. Daher die folgenden Zeilen anstelle einer Kritik.

Viel ist passiert seit ihrer letzten Veröffentlichung und die Welt könnte ein gutes Album doch wirklich gut gebrauchen. Wenn es übel wird, dann sollte zumindest der Soundtrack da sein. Ein Heimspiel?! Einerseits ja. KRAWEHL (das Album ist selbstbetitelt) ist eine astreine Punkrock-Platte, gut abgemischt und sicher auch livetauglich. Eigentlich könnte ich es dabei belassen, schließlich schreibe ich ja ich nicht über jedes Album und könnte, gerade über alles, was sich im Bereich der elektronischen Musik abspielt, auch nur sagen, dass es keine technischen Fehler auf der Platte gibt. Eh bien, dies reicht mir aber nicht. KRAWEHL spielt sich zu nah an meinem eigentlichen Musikgeschmack ab, um mich nicht nachdenklich zu stimmen.

Andererseits hänge ich grübelnd nach der Platte, fühle mich aber nicht auf die Welt, sondern auf das Album zurückgeworfen. Vielleicht ist es die Spartanerhaltung, die mir den Zugang zum Album verwehrt. Das Album bleibt ironischerweise der eigenen Szene stark verhaftet (ironischerweise, da sie in „Déjà Vu“ über Szenenzugehörigkeit herziehen), aber es ist viel Enttäuschung und Bitterkeit dabei. Man denke an die die WHITE CROSSES von Against Me!, was musikalisch in meinen Augen die beste Referenz darstellt, aber für viele eher als Provokation verstanden werden wird.

Die Kritik, die auf KRAWEHL geäußert wird, ist treffend und richtig, aber man hört doch echt deutlich ein „Weißt du noch, früher“ zwischen den Zeilen. Die Probleme sind neu und die Lösungsansätze scheinen immer noch unverändert aus der Zeit des Straßenkampfes zu stammen, ein wenig so, als würde man gegen Trump mit denselben Mitteln vorgehen, die schon bei Georg W. Bush verwendet wurden. Ich sage nicht, dass es so nicht funktionieren kann, ich bin mir auch sicher, dass es einen legitimen Weg darstellt, so zu agieren. Aber dennoch glaube ich, dass einige Schrauben neu justiert werden müssten.

Krawehl kehren zusammen, was von der Szene und dem Gefühl, für das sie einmal stand noch möglich ist und machen Kunst mit den Einzelteilen. Ist soweit okay, doch wie in einem zerbrochenen Spiegeln schaut man sich nur verzerrt selbst an. KRAWEHL ist wütend und danke, das soll sie auch sein. Aber Song wie „Voyeur“ und „German Angst“ spielen sich jenseits meiner eigenen Sphäre ab und singen über ein Leben, das ich verstehen, aber nicht nachempfinden kann, das sich aber in Liedern wie „Bielefeld sehen und Scherben“ doch als zu nahe am meinem entpuppt, sodass ich mich in der S-Bahn beobachten kann, wie ich dieses Lied vor mich hinsinge.

Die Aufgabe kann nun nicht darin bestehen, sich zurückzuziehen: Wenn wir etwas ändern oder nur die alten Tage wiederbeleben wollen, müssen wir das aushalten, was uns berührt. Krawall spielen am anderen Ende des Spektrums und ich ahne, dass ich diese Platte feiern würde, wenn…ja wenn ein paar Dinge anders verlaufen wären. Während ich also grübelnd über den letzten Zeilen hänge, kann ich allen anderen nur raten, in KRAWEHL reinzuhören, denn wie schon gesagt, es ist ein astreines Punkrock-Album und wo es so viel Rauch des Zweifels gibt, ist definitiv Feuer.

(Micha Schmidt) 

Krawehl auf Tour, u. a. präsentiert von Schallhafen.de
09.04 Marburg, Cafe Trauma
13.04 Vlotho, Kulturfabrik
05.05 Dortmund, Subrosa
06.05 Bielefeld, AJZ (Releaseshow)
16.05 Oberhausen, Druckluft
19.05 Krefeld, Magnapop
20.05 Trier, Villa Wuller
23.05 Hannover, Kulturpalast
24.05 Bielefeld, Leineweber Markt
25.05 Kiel, Schaubude
26.05 Hamburg, Astrastube
27.05 Tangermünde, Kaminstube
22.06 Bielefeld, Campusfestival

Links:
www.krawehlkrawehl.com
www.facebook.com/kkrawehl

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