"Es ist ein bisschen das Gefühl von Ankommen, auch wenn das blöd klingt" - Im Interview mit Fjørt

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Fjørt, Pressefoto: Andreas Hornoff

Wenige Stunden vor dem seit Wochen ausverkauften Konzert im Gebäude 9 in Köln, traf ich mich mit Chris und David von Fjørt, um über die Tour, ihre Musik, Perfektionismus, der unter die Haut geht und allerhand anderer Dinge zu sprechen.

Vorletztes Konzert der Tour. Wie fühlt ihr euch? Was könnt ihr von der Tour berichten?

Chris: Wir fühlen uns gut und es ist für uns eine fantastische Tour. Es ist halt schon krass, dass ein Großteil der Läden einfach ausverkauft ist. Das ist natürlich ein super tolles Gefühl, wenn du vorher weißt, dass super viele Leute da sind und du dir keine Sorgen machen musst. Das ist schon echt toll gewesen. Wunderschöne Tour für uns auf jeden Fall.

David: Vor allem, wie die Leute überall mitgehen. Gigantisch. Da muss man manchmal auch zurückdenken. Vor drei Jahren sind wir in Städte gefahren, da waren zehn Leute.

Was bestimmt auch gute Shows sind.

David: Absolut. Wir hatten auch da Bock drauf, aber diese Chemie zwischen Publikum und Band baut sich dann halt selten auf. Denn bei zehn Leuten hat halt keiner Lust voll auszurasten. Das ist schon was anderes.

Auf was freut ihr euch, wenn die Tour vorbei ist? Oder könnte die ewig weitergehen?

David: In so einem Bus ewig lang. Wir freuen uns auf die normalsten Dinge. Das ist als würde man vom Urlaub nach Hause kommen. Urlaub ist zwar geil, aber Zuhause mit Freunden schnacken und im eigenen Bett aufwachen hat auch was Schönes. Außerdem glaube ich, dass jeder von uns mal Bock hat einen Film zu gucken.

Ach, das hat euer Bus gar nicht?

David: Das haben wir, aber wir meiden das, weil bei uns die Gemeinschaft im Vordergrund steht. Das wäre noch so ein Punkt. Und halt mal klarkommen.

Ist ja auch schon Stress. Also schöner Stress.

David: Ja genau, super positiver Stress und auch eine ganz andere Welt. Wir stehen um 12 Uhr auf. Vollkommen surreal. Dann guckst du erst mal auf die Uhr. 16 Uhr, dann hast du gesoundcheckt. Also es ist echt ein Parallelleben.

Würdet ihr sagen, dass ihr sowas wie einen „Traum“ lebt? Also mit der Musik so erfolgreich zu werden. Ich selbst habe euch vor fünf Jahren im „Club Scheisse“ gesehen und war total begeistert von dem Konzert. Dann später noch mal im Sonic Ballroom, dann im Arttheater und heute im Gebäude 9. Jetzt hoffe ich fast, dass es nicht mehr größer wird (lacht).

David: Ja wir haben die kleinen Steps in Köln gemacht. Und wir haben es bewusst so gewählt. Die Show war glaub ich 2 Monate vorher ausverkauft und dann gibt es immer Leute, die bei dir anrufen und sagen „Geht mal noch einen Laden höher“. Aber bei unserem jetzigen Status wehren wir uns noch dagegen, weil es sich falsch anfühlen würde.

Traum leben, um zum Ursprung deiner Frage zurück zu kommen. Das Wort „Traum“ schieben wir immer etwas weg. Es ist gigantisch, dass man sich in Aachen in einem Proberaum getroffen und Songs gemacht hat. Und jetzt kann man davon unterwegs sein und seine Freunde, die jahrelang für „nen Appel und ‘n Ei“ mit unterwegs waren, vernünftig bezahlen. Jetzt ist alles in einem Gleichgewicht. Damals haben wir in einer Bar oder einem Jugendzentrum gespielt und wussten, dass der Promoter immer draufgezahlt hat. Und jetzt ist alles in einer Waagschale und wir können unsere Träume auf der Bühne, was Licht und Sound angeht, verwirklichen. Das kann man schon so nennen.

Chris: Ja das ist schon so. Gerade jetzt die Tour. Wir stecken da jetzt noch mittendrin und es macht wahnsinnigen Spaß. Es ist ein bisschen das Gefühl von Ankommen, auch wenn das blöd klingt. Aber man hat die Möglichkeit, Dinge wie das Licht auf der Bühne so zu gestalten wie man das möchte und hat die Mittel, um die Menschen, die das bedienen, auch vernünftig zu bezahlen. Wir können uns halt künstlerisch total ausleben und das ist schon fantastisch.

David: Aber nicht nur Shows, auch das ganze Gesamtkonzept, wie die Videos, die wir aufnehmen konnten. Es gibt halt wenig, was nicht geht, außer wir wollten auf dem Mond drehen oder für ein Video nach L.A. fliegen. Aber auch die Videos, die wir jetzt drehen, wären vor zwei bis drei Jahren nicht machbar gewesen. Das macht uns sehr, sehr glücklich. Wir träumen jetzt nicht davon, wie geil Fjørt doch ist, aber wir sind sehr zufrieden. Wir genießen es.

 

Und auch völlig zu recht. Ihr habt ja vermutlich nicht als Band mit dem Gedanken angefangen, dass das irgendwann mal größer wird. Schon allein die musikalische Nische, aus der ihr kommt, ist ja nicht gerade dafür prädestiniert.

Weil die Musik auch gar nicht so breit gefächert ist. Wir sind schon so arrogant, dass wir sagen: „Wir machen gute Musik“.

Und so Abende wie heute bestätigen das ja auch.

David: Genau und ich glaube schon, dass wir irgendein Talent haben, Songs schreiben zu können. Aber das so eine „Schreimukke“ so breit angenommen wird.

Chris: Kannst du dir nicht erklären.

Ich mir auch nicht. Ich dachte immer, dass ich zu einer Randgruppe gehöre, der solche Musik gefällt (lacht).

David: (lacht) Ja so sehen wir das auch auf Konzerten. Es ist halt ein brettharter Sound. Geil, dass Leute das feiern.

 

Neue Platte, große nahezu ausverkaufte Tour. Wie ist das mit dem Arbeitsaufwand? Hat sich da viel verändert? Vor drei bis vier Jahren musstet ihr ja noch nicht wirklich ständig Interviews geben etc.

Chris: Ja, aber das ist keine Arbeit. Wir freuen uns, dass ihr euch für uns interessiert. Dass wir die Möglichkeit haben, mit euch zu reden. Das ist super für uns. Und was den Arbeitsaufwand betrifft, natürlich steckt man jede freie Minute in die Band, aber das ist sehr erfüllend, dass man das machen kann und nicht irgendwelche Ideen wieder verwerfen muss. Und mit diesem super Team, dem Label und der Booking-Agentur klappt das immer irgendwie und wir bekommen den Rücken freigehalten. Jetzt haben wir die Zeit für die, im Auge des Musikers, wirklich wichtigen Dinge. An Songs zu feilen, stundenlang Zeit reinzustecken, dort wo man fühlt, dass der Song das braucht. Da stecken wir jetzt unsere Zeit rein.

David: Wir machen ja künstlerisch immer noch alles selbst. Aber früher haben wir uns zwei bis fünf Prozent mit Musik beschäftigt. Den Rest der Zeit haben wir vor dem Rechner verbracht, Booking und Artworks gemacht. Nebenbei gearbeitet, um das Ganze zu finanzieren. Im Nachhinein schon krass, dass das mit der ersten Platte so gut funktioniert hat. Aber der Arbeitsaufwand für eine Platte wie DEMONTAGE war halt riesig.

Woher kommt eure Musik? Woher stammen die Ideen? Was passiert zwischen der Idee und dem fertigen Lied?

Chris: Der Ursprung unserer Musik entsteht dadurch, dass wir immer mit offenen Ohren und Augen herumlaufen und unsere Umwelt wahrnehmen. Ich glaube, wenn man ein bisschen empathisch durch die Welt läuft, dann bekommt man auch mit, was auf der Welt nicht so gut läuft, was dir sauer aufstößt und weshalb du nachts nicht mehr schlafen kannst. Was ich immer mache, ist mir Sachen aufzuschreiben, die andere sagen. Zitate bei denen ich denke, dass es ein guter Satz ist. Das Ganze wird in unserem Proberaum, einem alten Bunker, dann zum Basteln und Ausprobieren genutzt. Ich glaube auch dass das Flair dieses Ortes auf unsere Musik Einfluss nimmt. Dort gibt es echt nichts. Keine Fenster, kein Internet-/ Handyempfang. Nur die Musik und uns. Meistens spricht der Sound schon irgendeine Art von Thema an. Zum Beispiel bei dem Song „Paroli“. Da sagt der Sound schon was über die Intention des Liedes aus. Das lassen wir dann auf uns wirken und schreiben dann die Texte dazu. Das dauert sehr lange, bis wir den Song schlussendlich als fertig ansehen. Häufig lassen wir die Sachen nochmal liegen, um mit etwas Abstand darauf zu schauen. Bis wir wirklich happy mit den Songs sind, dauert meistens eine ganze Weile. Da muss jeder Ton sitzen, der Melodiebogen, genau das Wort was dahin gehört. Das dauert.

Das klingt ja sehr perfektionistisch. Wieso spielt ihr die Sachen dann live häufig anders?

Chris: Das ist immer ein Prozess. Da spielt man die Sachen und es fällt dir immer noch was ein. Auch die Fertigstellung einer Platte. Man kann immer noch etwas daran feilen und deshalb muss man sich irgendwann sagen, dass hier Schluss ist. Das Coole am Livespielen ist dann, dass man die Möglichkeit hat, Songs neu aufzubrechen, Interludes zu machen. Sich neu daran auszutoben.

Wart ihr denn schon mal im Nachhinein mit einem Song auf Platte nicht mehr zufrieden?

David: Nein, man muss live und Platte unterscheiden. Die Songs auf Platte sind absolut stimmig und live sind oftmals Erweiterungen. Ein sehr schöner ambienter Part muss sich erst mal entwickeln können. Auch gemeinsam mit Erik, der bei uns das Licht macht. So ein Part darf live nicht so schnell wieder vorbei sein wie auf Platte.

Es darf also alles etwas mehr ausufern. Jetzt kann man euch ja schon fast als erfolgreich bezeichnen oder?

David: Schon wieder ein Wort, das wir nicht mögen. Wir sehen Erfolg immer in Verbindung mit was Besonderem geschafft. Aber wenn es darum geht, dass mehr Leute kommen und sich mehr Menschen für unsere Musik interessieren, ist das das richtige Wort. Wir würden das nur gerne auf die ganze harte Subkultur-Musikszene beziehen. Dass das mehr in den Fokus rückt. Mehr Bands trauen sich sehr viel mehr, natürlich weiß man nicht, ob Fjørt für manche ein Anlass war, aber viele Leute haben gar nicht mehr so große Lust auf geradlinige Gitarrenmusik. Und das macht eigentlich Spaß. Das diese Szene wieder mehr Erfolg und Zuspruch erlebt.

Chris: Die Akzeptanz und die Affinität zu der Musik. Du merkst halt auch, dass die Menschen auf unseren Konzerten super früh da sind und sich die Supportbands anschauen. Das finde ich super schön.

David: Daran merken wir, dass wir ein super Publikum haben. Ein sehr musikaffines und verständnisvolles Publikum. Und das macht wirklich Spaß. Blöd gesagt, hätte man ja auch keine Lust auf die Bühne zu gehen und vor einem besoffenen Schützenfest-Publikum zu spielen. Aber das Publikum kann man sich nicht aussuchen und dass es bei uns jetzt so toll ist, das könnte man als Erfolg bezeichnen.

Wieso lebt ihr eigentlich noch in Aachen als erfolgreiche Musiker? (lacht)

David: Der Ort ist nicht ausschlaggebend für Kreativität. Musikalisch am wenigsten. Textlich braucht man schon ein bisschen Urbanität, um Menschen in der Gesellschaft zu sehen. Außerdem leben unsere Familien und unsere Freunde dort. Auch nach Köln haben wir gute Verbindungen. Es gibt einfach keinen Grund wegzuziehen.

Zum Abschluss noch ein paar kurze Fragen. Wenn ihr euch einen Ort für ein Konzert aussuchen dürftet. Wo würdet ihr spielen?

Chris: Das ist ganz klar. Wir würden super gerne in diesem „Hotel Waldlust“ spielen oder?

David: Ja auf jeden Fall.

Mit welcher Band würdet ihr euch gerne mal die Bühne teilen? und warum gerade die?

Chris: Ach, das ist auch klar.

David: Biffy Clyro?

Chris: Ja, ne. Ich glaube Alexisonfire.

David: Ja stimmt. Wenn das irgendwann mal passiert, kann ich mich auf jeden Fall beruhigt ins Grab legen.

Chris: Wir haben vom Sound her eine hohe Affinität zu Biffy Clyro, aber Alexisonfire ist die Band, die uns alle schon seit Ewigkeit begleitet.

David: Was aber auch eine unserer absoluten Lieblingsbands ever ist, ist Thrice und...

Chris: Das haben wir geschafft.

David: ...das haben wir echt schon gemacht. Das ist totaler Wahnsinn, dass man davon erzählen kann.

Chris: Das war glaube ich der erste Meilenstein von Fjørt, als diese Anfrage reinkam.

Die Platte des Jahres 2017?

Chris: Kettcar und Quicksand.

David: Ja genau. Quicksand, wahnsinnig spannendes Album.

Chris: Und Propagandhi.

Und zu guter Letzt: Was würdet ihr mit auf eine einsame Insel nehmen? Drei Dinge.

Chris: Pedalboard, Bass, Amp.

David: Vielleicht auch ein Blatt Papier, dass man was aufschreiben kann.

Chris: Und ein Mobil-/Satellitentelefon um unseren Freunden sagen zu können, kommt vorbei, hier ist geil und warm.

Wir sind am Ende. Eine Sache noch. Euer Outro.

Chris: Danke für deine Zeit. Danke für das Weiterbringen der Musik und dem am Leben erhalten der Subkultur.

(Das Interview führte: Paul Schall)

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