Vorweihnachtliche (Kaba)rettung in der Kuppel: So war Torsten Sträter am 08.12.2017 in der Tonhalle Düsseldorf

Geschrieben von: Marc Oliver Braun am .


Torsten Sträter, Pressefoto

Die Uhr dürfte circa halb 12 nachts schlagen. Und so langsam ziehen meine Wangen. Nicht etwa, weil es so kalt ist an diesem Freitagabend. Denn das ist es durchaus. Stichwort plötzlicher Wintereinbruch, inklusive vielen richtig dicken Schneeflocken und Autos, die sich langsam durch die Matsche schleichen, die die unbarmherzige Straße aus dem wohligen Weiß verwandelt und tagelangem Bahnchaos. Aber hier im Bauch der altehrwürdigen Tonhalle ist es nicht nur voll, sondern auch muckelig warm.

Nein, das Ziehen rührt daher, dass heute kein Orchester auf der Bühne steht, sondern der Mann mit dem nahezu ikonischen ebenschwarzen Beanie auf dem Kopf. Die Rede ist, wie unschwer an der Überschrift zu erkennen, von Kabarettist Torsten Sträter (ich sollte das mit dem Spannungsaufbau wohl nochmal nachschlagen...). Den hat der sehr gute Laden zakk nämlich für die Tonhalle gebucht, was sich wegen der proppevollen Location wohl als absolut alternativlos abzeichnete. Jedenfalls, ich schweife ab, wir waren ja beim Ziehen meiner Wangen. Denn Torsten Sträters einzigartig sonore Erzählweise mit einer gehörgen Portion Ruhrpott-Charme sorgt dafür, dass ich so oft herzhaft laut lachen muss, dass es nicht mehr ausreicht, die Witz-Punchlines und Wortkreationen per verschämten Nasenschnauber zu quittieren, sondern es bricht quasi nur so aus mir heraus. Damit bin ich an diesem Abend nun wirklich nicht alleine. Sträter garniert seine Stories so gekonnt mit Wahn- und Wortwitz, dass man nicht ausschließlich aufgrund seiner klangvollen Vortragsweise an seinen Lippen hängt. Denn wenn der gebürtige Dortmunder in seiner Urlaubsanekdote Mousse au Chocolat als "atomar beschossene Butter" umschreibt, ist das ein Fest für die Vorstellungskraft. Vor allem, wenn sich herausstellt, dass es bei dem kiloweise aufgeschaufelten Genuss nicht um den Nachtisch, sondern um Leberwurst handelt. Dann ist es ebenso ein Fest für die Lachmuskeln. Die werden heute so gut trainiert, dass man meint, es würde für ein Jahr reichen. Beim Durchschreiten der Aula in der Pause beschleicht mich und meiner reizenden Begleitung nämlich der Eindruck, dass ein guter Teil des Publikums das tatsächlich so praktiziert. Denn während es über die Penismuschi-Witze des großgewachsenen Hünen auf der Bühne bis zum Schenkelklopfen und Tränenlachen feiern, lese ich aus deren Gesichtern außerhalb der Show weniger Freude und vielmehr fast griesgrämige Blicke. Halt eben das, was geschätzt 20 Jahre Lohnarbeit mit dir anrichten, wenn sich deine Sorgen selbst freitagsabends beim 'Ausgehen' um das neue Steuergesetz oder dergleichen drehen. So stelle ich mir das zumindest mit meiner Klischee-Wahrsagerkugel vor.

Auf der Bühne reiht sich indes Highlight an Highlight: Ob Sträter nun bildhaft von seinem Unvermögen früh aufzustehen berichtet ("Ich hab vor halb 11 solche Klüsen, echt!") oder er alle Männer im 'besten Alter' eindringlich dazu ermahnt regelmäßig zum Onkel Doc zu gehen, selbst wenn die Gefahr besteht, dass er seinen Finger in der männlichen Einbahnstraße versenkt, nur um zu verkünden, dass er nun mit dem gerade Untersuchten verlobt sei: Das Publikum kriegt sich kaum ein. Selbst Carsten im Publikum, der zwar erst 15 Jahre alt ist und von seinen Eltern mitgenommen wurde, kann trotz zum Glück fehlender Lebenserfahrung über vieles ablachen, was der Kabarettist dort auf der holzgetäfelten Bühne vom Stapel lässt. Der deutlich-derbe Sprachgebrauch zieht sich wie ein roter Faden durch den Auftritt, den er genauso lange plant, dass der Zuschauer am Ende nicht mehr sagen kann: "Ach, eine halbe Stunde mehr hätte ich noch vertragen können". Nein, Sträters Ziel ist es, diesen Punkt gandenlos zu überreizen. So springt er wie ein aufgekratzter ADHS-Teenager auf drei Energydrinks wild durch seine Erzählungen und lebt seinen Hang zum Abschweifen aus, den ich sehr unterhaltsam finde. Er 'quält' das Publikum zum Beispiel mit drei bis vier zufälligen Anekdoten, wenn es auf sein "Soll ich Ihnen mal etwas Seltsames erzählen?" mit "Ja" antwortet, denn auf rhetorische Fragen antwortet man einfach nicht, verdammt!

Um es in Sträters Lieblingsbühnenphrase zu formulieren. "Das stimmt jetzt wirklich!": Kurz vor Ende des ereignisreichen Jahres liefert der Kabarettist einen über alle Zweifel erhabenen, fantastischen Bühnenauftritt ab, den ich guten Gewissens als das Herausragendste bezeichnen kann, was die Kabarettszene zu bieten hat.

(Marc Oliver Braun)

Links:
www.torsten-straeter.de
www.zakk.de/event-detail?event=5673
www.facebook.com/events/1897281210591462/

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