Wenn der Algorhitmus dein Leben übernimmt: So war Marc-Uwe Kling am 25.10.2017 in der Tonhalle Düsseldorf

Geschrieben von: Marc Oliver Braun am .


Marc-Uwe Kling, Pressefoto: Sven Hagolani

Wenn der Autor der Känguru-Trilogie aus seinem neuesten Werk vorliest, dann kann es schon einmal passieren, dass selbst das zakk nicht mehr ausreicht, um allen Lauschwilligen Platz zu bieten. Doch dieser logistische Stolperstein hält das Booking des Kulturzentrums natürlich nicht auf und so findet der Spaß am herbstlichen Mittwochabend in der knapp 100 Jahre alten Tonhalle direkt am Rheinufer statt. Ganze drei Schlangen haben sich vor dem Konzerthaus gebildet, was für eine Lesung bei dieser Locationgröße wahrlich beachtenswert ist.

Marc-Uwe Kling hat es doch tatsächlich zustande gebracht mit einem neuen, den meisten Zuhörern wohl noch unbekannten Werk, die Tonhalle auszuverkaufen. Der Aufgabe, diese Vorschusslorbeeren heute direkt nach Hause zu fahren, stellt sicht der gebürtige Stuttgarter nur allzu gerne. Bewaffnet mit einem schlichten Holztisch, seinem neuen Werk QualityLand und einem Glas Wasser auf der riesengroßen Bühne entführt uns der Bestseller-Schriftsteller in eine Zukunft, die den Menschen mit hochtechnologischen Optimierungen in den Wahnsinn treibt. Um zur düsteren Schwarzmalerei einen Gegenpol zu schaffen, steigt der Mann mit dem doppelten Vornamen aber erstmal locker ein: Und zwar mit seinen allseits beliebten Game Of Quotes, bei dem Zitate den falschen Urhebern zugeordnet werden. Beispiel gefällig? "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders" - Die Deutsche Bahn. Eine sicher Bank für laute Lacher.

QualityLand ist eine Dystopie in Romanform und zwar eine, die an den richtigen Stellen wehtut. Denn in QualityLand bestimmt selbst für Musiker nicht mehr der Rhythmus, sondern Algorithmus das Leben. Der weiß nämlich schon am besten, welche Produkte ich bewusst und unterbewusst haben will, welchen Partner ich lieben will und wo ich mit meinem (selbstfahrenden) Auto hinwill. In Ausschnitten aus dem Leben des Protagonisten, dem Maschinenverschrotter Peter erfährt das Publikum von Absurditäten wie unter Flugangst leidenden Drohnen, dem Hitler-Musical und der Bezahlmethode per Smartphonekuss namens TouchKiss. Wenn Peters Freundin keine Lust mehr auf die Beziehung mehr hat, ist QualityPartner direkt zur Stelle und kümmert sich um passenden Ersatz. Damit niemals Langeweile aufkommt und das Leben auch sonst möglichst einfach wird, ist sein digitaler Assistent Niemand immer an seiner Seite, denn: Niemand hört ihm zu und Niemand interessiert sich für ihn.

Die Lesung profitiert nicht nur von Klings Gabe, in verschiedene Stimmrollen zu schlüpfen, sondern vor allem auch durch seinen gitarrenverstärkten Sidekick Boris The Beast. Der ist zuständig für die Werbe-Jingles und Nachrichten-Blöcke von QualityLand, die im Roman eingestreut sind, die er voller Hingabe performt. Der Clou: Die gibt es in zwei Versionen: Während die optimistische Version zum Beispiel „Die Freuden des jungen Werther“ statt den „Leiden des jungen Werther“ anpreist, gibt es ebenso eine schwarze Ausgabe für Hobbypessimisten. Die Zukunftssatire regt das Publikum zu lautem Applaus, aber weniger zu lauten Lachern an. Denn dafür ist der Humor eine ganze Note bitterer als es beim Krawall-Känguru noch der Fall war. Zu vorstell- und zu greifbar scheint diese „schöne“ neue Welt, in der zwar jedes Bedürfnis befriedigt, aber kein Traum mehr gelebt werden kann.

Da die Känguru-Trilogie ein solcher Erfolg war, hat Marc-Uwe dermaßen viel Geld auf dem Konto, dass er kaum das repräsentiert, was er auf der Bühne vertritt. Der Spitzensteuersatz reicht ihm noch nicht, weshalb er auf der aktuellen Tour einfach die Hälfte seiner Einnahmen spenden möchte. Und für welchen Zweck darf der Zuschauer ganz demokratisch wählen. Sieben Organisationen stehen zur Auswahl und statt wie bei der Bundestagswahl nur zwei Kreuze, kann man hier bei Bedarf ganze sieben machen, weil nicht der „Gewinner“ alles bekommt, sondern alles ganz gerecht im Verhältnis verteilt wird. Eine tolle Aktion, da so jeder nicht nur ein gutes Projekt unterstützt, selbst wenn er selber kein Geld dafür aufbringen kann, sondern die Wahl eignet sich wunderbar als Beschäftigungstherapie während der Pause. Denn als alle die Etagen hinabsteigen, hasten sie im runden Pausensaal direkt zu den Wahlzetteln, um mitabzustimmen. Wenn doch jede Wahl so einen Ansturm auslösen würde...Während der Pause zeigt sich eine bunte Mischung aller sozialen Schichten und bringt Menschen zusammen, die sich ansonsten wohl kaum auf derselben Veranstaltung tummeln würden: Denn wie oft kommt es sonst vor, dass der sakkotragende Literatur-Conaisseur gehobenen Alters neben einem Iro-Punk samt übergroßen Abfukk-Patch auf dem Rücken steht?

Kling lockert seine Lesung immer wieder mit ein paar Anekdoten von der Tour auf. So offenbart er zum Beispiel seine Abneigung gegen das Bundesland Sachsen, wo er ausgerechnet an einem Montag in Dresden las und es einen Vertreter von PEGIDA dorthin verschlug, um sich argumentativ zu messen. Doch wie soll man miteinander diskutieren, wenn man völlig unterschiedliche Weltanschauungen und Prämissen besitzt, fragt Marc-Uwe sein Düsseldorfer Publikum. Die Antwort: Es ist schlicht nicht möglich und zielführend, sich auf eine Dsikussion einzulassen. Gegen Ende seines Auftritts greift Kling nochmal persönlich zur Gitarre und präsentiert uns den Song „Lügen“ seiner Band Arbeitsgruppe Zukunft, den er humorig der Wutbürger-Vokabel „Lügenpresse“ gewidmet hat. Der Menge gefällt der Song hörbar gut, mir ist die Punchline jedoch etwas zu ausgetreten. Und so trete ich meine Heimreise aus dem QualityLand an, dass ich heute mit all seinen Vorzügen kennenlernen durfte und denke darüber nach, wohin uns der Pfad der ständigen Technik-Optimierung tatsächlich führen wird. Solange Kling noch Bücher über sprechende Kängurus und flugangstgetriebene Drohnen schreibt und sie mir dann vorliest, ist noch alles in Ordnung.

(Marc Oliver Braun)

Links:
www.marcuwekling.de
www.facebook.com/klingmarcuwe

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