„Du bist der Fidget Spinner meines Herzens!“ - Patrick Salmen und Jan-Philipp Zymny am 13.06.2017 im Zakk Düsseldorf

Geschrieben von: Marc Oliver Braun am .


Patrick Salmen, Pressefoto: Fabian Stürtz

Poetry Slam im Jahre 2007? Yeah! Poetry Slam im Jahre 2017? Hell no! So zumindest meine persönliche Beobachtung über die Meinung zu den kleinen Literaturoden, die meine Geisteswissenschaftler-Seele nach wie vor ungebrochen zu begeistern vermögen. Dass man damit aber auch in der „I bims“-Ära nahezu das komplette, altehrwürdige Zakk füllen kann, zeigt dieser Mittwochabend. Das Ruhrpott-Duo, das normalerweise keines ist, bestehend aus Patrick Salmen und Jan-Philipp Zymny sorgt dafür, dass heute kaum ein Stuhl in der Halle leer bleibt.

Das Bühnenbild versprüht mit seiner dunklen 1970er-Couch, der antiken Stehlampe und dem Schreibtisch den Charme eines lauschigen WG-Wohnzimmers. Zur Begrüßung bekunden die beiden Wortartisten erstmal ihre Liebe beim spontanen Plausch: So lässt Zymny den schönen Satz „Du bist der Fidget Spinner meines Herzens“ in Salmens Richtung zärtlich über seine Lippen gleiten. Wahrscheinlich weil Patrick das Kugellager ist, das Jan-Philipp überhaupt erst so richtig zum Rotieren bringt. So geht Romantik heute! Wenn ihr eurer Angebeteten also mal ein Kompliment der etwas anderen Art machen wollt: Go for it! Zymnys Segen habt ihr sicher. Fun fact: Fidget ist bezeichnenderweise auch das Wort für Zappelphilipp. Kannste dir nicht ausdenken.

Salmen trägt als ersten Text direkt ein Schwergewicht vor: Den berüchtigen Raclette-Abend. Zynisch lässt uns das lyrische Ich an einem spießigen Pärchenabend teilhaben, bei dem man es mit Durchschnitts-Existenzen zu tun bekommt, dass es einen nur so schaudert. Als kleiner Einblick sei hier nur die „Carpe Diem“-Fußmatte genannt - dem Arschgeweih unter den Teppichen. Besser noch wäre hier nur der Wortwitz Carpet Diem, ich glaub den lass' ich mir rechtlich gleich mal schützen.

Währenddessen zündet sich Zymny erstmal eine Zigarette an, was seit mittlerweile neun Jahren Rauchverbot in Kneipen und Läden aller Art dann doch ein überraschender, gar verbotener Anblick ist. Aber typisch deutsch: Als Teil einer Bühnenperformance geht das als Ausnahme klar. Nach dem Tabakgenuß ist vor der Arbeit und die präsentiert der 24-Jährige wohlakzentuiert und wortstark. Man merkt beim direkten Vergleich der beiden Künstler, dass Salmen kleine Geschichten mit bissigen Kommateren erzählt, während Zymny in fantastische Welten abdriftet und den vermeintlichen Nonsens ein Denkmal setzt. Ich taufe seinen Stil Random Comedy, das trifft den Kern der Sache am besten. Wo Salmens Stil trocken und ruhig ist, gibt sich Zymny laut polternd und spielt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers. Was die beiden jedoch verbindet, ist die pointierte Vortragsweise, die Liebe zu schönen Wortbündnissen und das kompetente Gespür für Joke-Punchlines. Das Publikum goutiert dies mit jeweils mit tosendem Applaus. Ich muss über den gesamten Abend oft und laut lachen ob des genialen Irrsinns, der sich da textlich vor mir ausbreitet. Dass Zymny und Salmen zusammen autreten, bringt erfrischende Abwechslung in den Poetry Slam Abend. Salmen zeigt sich mit seinem anekdotischem Humor eher bedächtig, er beruht oftmals auf einer Aversion gegen Menschen, die genauer betrachtet auch nur Leute sind, findet dabei aber eher introvertiert als laut schreiend statt. Zymny hingegen steht für Anarchie und Chaos, was er mit seiner lauten, cholerisch bis theatralisch-schauspielerischen Vortragsweise passend untermauert.

Das Zusammenspiel der beiden Kreativkreaturen fördert mitunter Wunder- wie Sonderbares zutage: So erschaffen sie den Superhelden Common Sense Man, der andere Leute auf offensichtliche Gefahren hinweist, hier am Beispiel eines aus dem Busch springenden Kindes, das einem Vater davor bewahrt, den angebotenen Sand eines Kindes auf dem Spielplatz zu essen. Oder wenn sie über einen unfreundlichen Heizungsableser fantasieren, weil das Gericht Gazpacho wie Gas-Spacko klingt. Oder was für ein Spaß es ist, seinem Kind beizubringen, andere Kinder zu siezen. Eine ganze Menge unterhaltsamer Unsinn eben, die die beiden da improvisieren. Ganz mein Stil.

Schön auch, wenn Zymny lustige Dialoge zum Besten gibt wie beim Trialog zwischen dem Taxifahrer, ihm selbst und seiner inneren, völlig cholerischen Stimme und er dabei nebenbei die vierte Wand druchbricht. Oder Salmen einen Stilbruch wagt und seine lyrische Seite in Form von zwei Gedichten aus seiner am 01.09.2017 erscheinenden Lyrik-Sammlung „Zwei weitere Winter“ entblättert. Auch wenn das Publikum hier wohl etwas verwirrt schien und sich aus der Kalauer-Klatsch-Machinierie gerissen fühlte; man hat ja schließlich einen reinen Comedy-Abend erwartet; wissen einige Zuschauer die wohl gewählten Lyrik dennoch zu würdigen und applaudieren laut und ehrlich. Lyrik ist eben leise und möchte am liebsten selbst gelesen werden.

Zum Abschluss holt Zymny nochmal zum Schlag gegen austauschbare Popmusik aus und zeigt sogleich, wie man es besser macht, indem er auf einen harten Beat in bester „Sendung mit der Maus“-Manier über die Merkmale und Verhaltensweisen eines R-R-Riesenkalmars rappt. Wie ein Gangster Rapper à la Farid Bang das tun würde, versteht sich. Ein grandioser Abend, der unter Beweis stellt, dass Poetry Slam mit den beiden Ausnahmetalenten auch im Jahre 2017 immer noch das Ding der Stunde ist.

(Marc Oliver Braun)

Links:
www.patricksalmen.de
https://www.facebook.com/Patrick-Salmen-175904522461757/
http://zymny.tv/
https://www.facebook.com/janphilippzymny/

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