Schwarzmalerei mit Pointe: So war's bei Nico Semsrott am 30.11.2016 im Zakk Düsseldorf

Geschrieben von: Marc Braun am .


Nico Semsrott, Pressefoto: Andreas Hopfgarten

Depri-Kabarettist Nico Semsrott sagt über sein Programm: „Das trifft wirklich genau meinen Humor.“ Ob das auch das Düsseldorfer Publikum so sieht, wird sich an diesem Mittwochabend zeigen. Die Chancen stehen jedenfalls gut. Kurz vor Beginn sind die freien Sitzplätze rar gesät. Der Kleinkunstpreisträger erhebt das unscheinbare Äußere zur Marke und gibt so schon erste Hinweise auf sein Innenleben. Denn so schwarz wie sein Kapuzenpulli, den er stets auf der Bühne trägt, sind auch seine oftmals satirischen Anischten zu verschiedensten, häufig politischen Themen. Nicht jedoch ohne dieses Schlechte der Welt präzise zu sezieren und damit vor allem eins zu tun: Ungerichtigkeit und damit verbundene Auswüchse verständlich aufzeigen. Das Programm "Freude ist nur ein Mangel an Information" läuft aktuell in der Version 2.5, Semsrott bietet immer 45 neue Minuten pro Saison, für die er die alten entsprechend im Archiv verbannt.

Der erste Teil seines Auftritts dreht sich um Politik , gewichen ist dafür der Teil, mit dem Nico überhaupt erst größere Bekanntheit erlangte: Die Depression, an der zumindest seine Bühnenfigur leidet, zieht sich trotzdem durch das Programm, nur dass sie eben nicht mehr Hauptthema ist. Dass Nico dem digitalen Zeitalter entspringt, lässt sich daran ablesen, dass er zum Anfang sein eigenes Leben, ganz wie Produkte beim Online-Versandriesen Amazon in eine 5-Sterne-Bewertung einteilt. Immerhin: Einen ganzen Stern gibt er sich dann doch. Viel Zeit widmet er, in Anbetracht der Wahlergebnisse rechter Parteien, dem Rassismus, indem er Fanatisten und Aufklärer gegenüberstellt. So treffen auf Attentäter dieses Sommers in Deutschland folgende Kriterien zu: Sie sind Rechtspopulisten, Männer unter 50, Mörder, psychisch krank und Rassisten. Während sich der darüber Aufklärer aufregt und fragt, warum denn keiner was tut, kommt der Fanatist (lies: besorgte Bürger) auf die naheliegendste aller Forderungen: „Burkas verbieten!“, statt die Attentate tatsächlich verhindern zu wollen. Denn der Fanatiker ist der Überzeugung: „Nur weil's nicht stimmt, ist es noch lange nicht falsch.“

Das Publikum weiß den zutiefst trockenen Humor des gebürtigen Hamburgers zu würdigen und hat trotz all der traurigen, bitteren Wahrheiten einen äußerst unterhaltsamen Abend. Wie lang kann er bei den teils zutiefst flachen Wortwitzen eigentlich ernst bleiben? Antwort: Nicht allzu lange. Aber dafür hat der Gute auch gleich seine erprobte Lösung parat. Wann immer er selber lachen muss, also aus seiner Rolle des Klischee-Depressiven fällt, lässt er einen 5€-Schein von der linken in die rechte Hosentasche wandern. Die Summe geht im Anschluss an die Tour an einen guten Zweck. Am Ende des Abends gehen die Scheine sogar wieder zurück in die linke Tasche, weil keine 5€-Scheine mehr in ebendieser waren. Da kommt also ganz schön was zusammen.

Nach der Pause, die man in der Zakk-Kneipe zur Durstlöschung nutzen konnte, geht es weiter mit den Widersprüchlickeiten des menschlichen Seins. So klärt uns der Hoodieträger über die Etymologie des Wortes „Heiraten“ auf. Da werden nämlich die Silben „raten“ betont, aus dem Grunde, weil sich bei der pseudo-ewigen Bindung erst noch heraustellen wird, ob es sich denn wirklich der richtige Partner handelt. Außerdem weiß er mit tiefsinnigen Sprüchen zu glänzen, wie zum Beispiel folgenden: „Auf älteren Fotos sieht man jünger aus.“ Aber nicht nur solche Tatsachen sind paradox, sondern vor allem auch das, was Frauen in entsprechenden Boulevard-Zeitschriften als Botschaft vermittelt wird. Da heißt es auf der einen Seite noch: „Sei du selbst!“, während zwei Seiten Abnehmtipps folgen, die vermitteln, dass man doch bitte nur dann man selbst sein sollte, wenn man die entsprechende „Traum“-Figur bereits besitzt respektive antrainiert hat. Das Leben steckt voll solcher Widersprüchlickeiten, die man einem mal mehr, mal weniger direkt ins Auge springen. Zuvor hat uns Nico schon mitgeteilt, woraus das Leben generell so besteht. Und zwar besteht der Zeitraum zwischen Geburt und Tod vor allem aus einem: Leere. Die versucht der Mensch mit Etwas zu füllen, dass er schlicht als Quatsch umschreibt. Klingt pessimistisch? Ist es auch, schließlich ist in früheren Versionen seines Programms ja vor allem Depression das Leitmotiv. Versatzstücke finden sich darin auch in dieser Version noch. Davon zeugt auch die Einstiegsfrage, für wen die Show eigentlich ist. Für alle, denen es scheiße geht und die Bestätigung wollen oder für die, denen es gut geht und die wollen, dass es einem schlecht geht. Wenn alles nach Plan läuft, bricht er die Show vorzeitig ab.

Manchmal zweifelt das Nordlicht am Sinn seiner Existenz und stellt sich in Konkurrenz mit der Maschine. In diesem Falle mit dem Pfandautomaten, der ihm direkt mehrere Dinge voraus hat: Der Automat weiß einerseits, wozu er da ist und andererseits, welche Flaschen er annimmt und wie rum sie hineingehören. Obwohl er einen IQ von 0,0 aufweist, ist er trotzdem Experte in Sachen Flaschenannahme. Was ihn wiederum mit dem ein oder anderen selbsternannten Experten in der Wirtschaft verbindet, kommt mir in den Sinn. Ziemlich traurig diese Erkenntnis. Und in dem Stile soll es weitergehen. Während er sich immer wieder minutiös die schwarze Kapuze seines Hoodies über den Kopf zieht, erzählt er von Europas Kernkompetenz, dem Kriegeführen oder dass wir hier im Westen zwar Kapitalisten, aber auch irgendwie Humanisten sind: Gelebt bedeutet dieses Modell, dass wir andere ausbeuten, uns dabei aber immerhin schlecht fühlen. Überdies fragt er sich, warum wir in einer Leistungsgesellschaft statt in einer Erfolgsgesellschaft leben. Oder warum irgendwer die Junge Union für vertretbar hält. Nach vielen weiteren existenziellen Fragen wie diesen, die er mit seinem feinsinnigem, staubtrockenem Humor garniert und ab und zu mit dem Timing der Pointen herumdoktort, verlässt der 30-Jährige die Bühne. Allerdings hat er zum Schluss ein paar essentielle, gänzlich unironische Worte, indem er daran appelliert, psychische Krankheiten in der Gesellschaft endlich ernstzunehmen und sie als das zu akzeptieren, was sie sind: Krankheiten, die eben statt dem Körper der Psyche zusetzen. Worte, denen ich uneinschränkt zustimme und die hoffentlich die anderen Besucher erreicht haben.

Wie zu erwarten, lechzt das hungrige Publikum nach mehr, aber Herr Semsrott hatte ausgespielt, seinen Vertrag erfüllt, seine Arbeit verrichtet. Was ihn allerdings nicht davon abhielt, wieder hinter dem roten Vorhang hervorzutreten. In der Zugabe sehnt er sich nach einem Youporn des Scheiterns, in denen die Akteure wahlweise zu früh oder gar nicht kommen, alles schief läuft oder erst gar keiner in Stimmug kommt. Denn diese Misserfolge gibt’s ja sonst nur in seinem Privatleben zu sehen. Immerhin bedeutet Schlechtsein im Bett, dass man überhaupt mal Sex hatte, was ihn wiederum etwas erfreuen kann. Semsrott tritt ein zweites Mal von der Bühne und lässt sich zurückbitten, um noch einmal so richtig in Awkwardness dank peinlicher Stille zu baden. Denn der Herr wusste nicht mehr so wirklich (oder vermittelte dies zumindest authentisch), was er noch an seine letzten Worte anhängt und das Publikum wusste nicht, dass man meist aufsteht, wenn die metaphorischen Credits des Filmes durchgelaufen sind. Da das Publikum aber darauf konditioniert ist, erst zu gehen, wenn das Hallenlicht angeht, kosten beide Parteien diesen Moment des Unangehmen noch voll aus, bis Nico schließlich wortlos von dannen zieht.

Der Mann mit dem schwarzen Kapuzenkapulli konnte wieder einmal unter Beweis stellen, dass auch feinsinniges Kabarett die Hallen füllen kann und man trotz allen Humors die Welt hinterfragen sollten, die wir Tag für Tag im Kapitalismus erleben.

(Marc Braun)

Links:
nicosemsrott.de
www.facebook.com/nicosemsrott
twitter.com/nicosemsrott


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