Depressionen: “Manchmal ist es unglaublich schwierig, überhaupt erst aufzustehen.“ - Im Interview mit: YouTuber Bruugar

Geschrieben von: Marc Braun am .

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Depressionen: “Manchmal ist es unglaublich schwierig, überhaupt erst aufzustehen.“ - Im Interview mit: YouTuber Bruugar
Teil 2: “Die Arbeit ist 24/7 und auch wenn einen viele um diesen Job beneiden, so will garantiert keiner in meiner Haut stecken.”
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YouTuber und Twitch-Streamer Bruugar

Nur Let's Plays? Das reicht dem YouTuber und Livestreamer Bruugar nicht mehr. Seinen Kanal hat der Wahlkölner, den wir schon einmal zum Interview geladen hatten, um Vlogs und Lifestyle-Themen erweitert. Außerdem hat er Mitte des Jahres offen thematisiert, dass er an Depressionen leidet. Ein Thema, über das immer noch gern geschwiegen wird. Wir haben mit Bruu über die Veränderungen seiner Arbeit, die Krankheit, ihre Wirkung in der Gesellschaft und die Vor- und Nachteile des Daseins als selbstständiger Videokünstler gesprochen.

Du sagtest mal, dass der Hype um Let's Plays vorbei ist und die Views auch bei dir stetig sinken. Warum haben sie ihren Zenit aus deiner Sicht überschritten?

Das Feld fächert sich immer weiter auf. Generell laufen LPs noch gut, wenn man sich mal umschaut auf YouTube, aber meine spezielle Nische ist auch mehr als gut gefüllt. Mittelgroße Kanäle, so auch meiner, sind kein Geheimtipp mehr. Man hat den Eindruck, nur wer laut ist, der wird gehört. Das bin ich aber nicht.

Als Konsequenz daraus wirst du nicht mehr so viele und so lange Let's Plays machen. Was ist dein weiterer Plan für diese Zocksessions?

Mit einem Wort: Twitch! Live macht viel mehr Spaß und man hat einen direkten Draht zur Community. Leider hat nicht jeder Zeit für die Streams und Videos lassen sich in der Regel auch besser konsumieren, aber mir gibt es einfach mehr, wenn ich direkt Reaktionen sehe.

Wo lag der Punkt, an dem du dein Kanalkonzept umgestellt hast?

Ich hatte einfach diese Start-Stopp Videos satt. Man hat so viele Ideen im Kopf, kann diese aber kaum umsetzen, da viel Zeit für das Tagesgeschäft drauf geht. Da Releasegames meist von hunderten Kanälen bedient werden, hat man auch kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Mein "Baby" Dark Souls ist längst auf das Massenpublikum zugeschnitten und trotz eines nicht selbst ernannten Status als "Mr. Dark Souls", ist man nur mehr ein kleines Licht. Da musste einfach was Neues her.

Seit geraumer Zeit streamst du regelmäßig auf Twitch. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen?

Die Nähe zu den Zuschauern ist mir sehr wichtig. Es gibt zwei Wege auf YouTube: Willst du Fans oder willst du Freunde? Für mich ist es Zweiteres und da sind mir Streams sehr wichtig und lieb. Bei Videos weiß ich oft nach ein bis zwei Tagen schon nicht mehr, was ich von mir gegeben habe und kann dementsprechend wenig mit den Kommentaren anfangen, die sich auf meine Aussagen beziehen. Streams sind super, da das Feedback oft sofort folgt.

Und wie schaffst du es, dich gleichzeitig auf's Spiel zu konzentrieren UND auf den Chat einzugehen?

Haha, alles Übungssache, am Anfang war das auch für mich sehr schwer.

Ist es darüber hinaus nicht seltsam, mit Chat-Textfeldern zu sprechen und doch alleine vor der Kamera zu sitzen?

Auch daran gewöhnt man sich, so wie an das Selbstgesprächeführen bei YouTube-Aufnahmen. Einige Leute habe ich ja schon getroffen, z.B. auf der Gamescom und dementsprechend kann ich auch oft die Namen mit Gesichtern in Verbindung bringen. In Chatprogrammen wie WhatsApp und Skype oder Discord ist man ja auch schnell vertraut miteinander.

Dein Kanal dreht sicht also nicht mehr ausschließlich um Gaming. Ganz neues Terrain betrittst du mit Lifestyle-Themen. Was beschäftigt dich da?

So einiges. Gerade Events sind super, man trifft viele Menschen, sieht früh Spiele, reist herum, das kann man nicht mit ein paar Worten ausdrücken auf Twitter. Bartpflege, Kochen und alles, was einen so beschäftigt. Vor allem aber habe ich Freude an der Fotografie, am Filmen und an der Videobearbeitung gefunden. Auch meine Krankheit spielt eine große Rolle, aber damit muss ich leben und will versuchen Menschen, die auch darunter leiden, ein wenig zu helfen, indem ich zeige, wie ich mit der Sache umgehe.

Weil du gerade davon sprichst: Kommen wir doch direkt zu der Arschloch-Erkrankung Depression. Da es für Nicht-Betroffene nur sehr schwer nachzuvollziehen ist: Kannst du versuchen zu beschreiben, wie sich eine Depression anfühlt?

Widersprüchlich ist das erste Wort, das mir einfällt. Du bist glücklich, hast aber Angst alles kaputtzumachen. Dir fehlt es an nichts, aber du bist trotzdem traurig. Manchmal ist es unglaublich schwierig, überhaupt erst aufzustehen. Oft vergräbst du deine Gefühle und bist nur am Arbeiten, um nichts zu fühlen. Schiebst die, die du liebst von dir weg, hast aber Angst, alleine zu sein. Du bist manchmal toll drauf, aber ein einziges Wort kann dich schon herunterziehen.

Im entsprechenden „Outing“-Video vom 03.07.2016 (, das mittlerweile nicht mehr abrufbar ist) sagtest du, dass du dich in Therapie befindest und es ohne Medikation nicht geht. Laut deinem BartLog #07 hast du diese inzwischen erfolgreich absetzen können. Hast du einen Unterschied nach der Absetzung bemerkt? Ließ man die Medikation langsam aussschleichen, d. h. man nimmt eine immer kleinere Dosierung, bis man sie komplett einstellt?

Das Video habe ich auf privat gestellt, da ich mich nicht mehr mit diesem Vergangenheits-Ich beschäftigen will. Diese Person war rock bottom (zu deutsch Talsohle, also der Tiefpunkt einer negativen Entwicklung, Anmerkung der Redaktion) und sah kaum eine Perspektive. Aktuell nehme ich wieder Medikamente, vertrage diese aber nicht sehr gut. Ich bin sehr müde, schlafe wie ein Stein, allerdings nicht sehr erholsam und habe oft ein starkes Schwindelgefühl. Lass' ich das Medikament weg, habe ich leider oft starke Kopfschmerzen (chronisch sagen die Ärzte) und depressive Episoden, in denen gar nichts geht.

Was sind aus deiner Sicht die größten Irrtümer über Depressionen im Allgemeinen und dessen Medikation im Speziellen?

Dass Depressionen nur eine Phase sind und keine Krankheit, die behandelt werden MUSS! Wer sagt, die Medikamente bringen nichts, man soll halt einfach mal raus gehen, der hat keine Ahnung wie es ist, diese Krankheit zu haben.

Wie hast du festgestellt, dass du an Depression leiden könntest? Was waren erste Hinweise?

Ich litt seit meiner Kindheit an Gefühlskälte und Empathielosigkeit, habe, als ich meine Freundin kennenlernte, eine Therapie gemacht in einer Tagesklinik. Dort konnte ich dank mehrerer Therapeuten das erste Mal meine Gefühle deuten lernen, wenn auch nur im Ansatz und merkte, dass ich schon öfter Episoden hatte, diese durch Verdrängungsmechanismen immer erfoglreich beiseite geschoben hatte und einfach mal mehrere Tage "mies drauf" war. Heute sehe ich das anders und arbeite auch sehr an mir.

Wie lange hast du gebraucht, bis du professionelle Hilfe in Anspruch genommen hast?

Etwa ein Jahr, zumindest was die Depressionen angeht.

Psychischen Erkrankungen haften auch im Jahre 2016 immer noch zahlreiche Stigmata an. Mit welchen Vorurteilen hat man in Bezug auf die Depression zu kämpfen? Ich denke da beispielsweise an die Vorwürfe, man „sei ja einfach nur traurig, solle sich nicht so anstellen, man selber habe schließlich auch Schwierigkeiten im Leben und bewältigt sie trotzdem“ etc.

Oft noch hört man Vorwürfe, dass man seine Krankheit nur nutzen würde, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das traf mich auch sehr, da es viele Kommentare zu meinem "Outing"-Video in der Richtung gab. Ich kann es aber auch keinem vorwerfen, da man selbst in der Haut stecken muss, um zu wissen, wie das ist. Viele Medienschaffende können sich wohl damit identifizieren und deshalb wurde ich von ein paar Leuten darauf angesprochen.

Aber auch innerhalb der psychischen Krankheiten gibt es nochmal eine Art Rangliste in Sachen Stigmatisierung. Manche Erkrankungen lösen bei vielen Leuten direkt Schreckensbilder aus: So wird insbesondere Patienten, die an Schizophrenie leiden, nachgesagt, sie seien unberechenbar und potentiell gefährlich. Infolgedessen haben diese Leute Angst vor Menschen mit entsprechender Diagnose. Denkst du nicht auch, dass solche Vorturteile zeigen, dass wir immer noch in einer Gesellschaft leben, die psychische Krankheiten im Allgemeinen ausblendet, teilweise ächtet und mit denen sie optimalerweise nichts zu tun haben wollen? Und müssten wir, ich wiederhole mich, im Jahre 2016 nicht schon längst weiter in Sachen Awareness und Akzeptanz sein?

Ich denke es ist wichtig, das offen zu kommunizieren. Klar, die Gegenargumente waren (so auch bei mir): „Hast du keine Angst wegen deiner Vita? Dich nimmt doch kein Arbeitgeber mehr!“ Das mag sein, aber soll ich so tun, als würde ich mich schämen für die Krankheit und sie geheim halten, nur damit sich andere nicht bedrängt fühlen, weil es doch zu unbequem ist, darüber zu sprechen? Kommunikation ist wichtig, gerade bei psychischen Erkrankungen, sonst gibt es Missverständnisse. “Da steckst' nicht drin”, wie es so schön heißt, aber man kann den Leuten helfen, zu verstehen und andere Betroffene ermutigen, auch darüber zu reden. Das hilft ungemein.

Was möchtest du den Leuten mitgeben, die vermuten, an einer psychischen Krankheit zu leiden?

Redet darüber mit jemandem, dem ihr vertraut. Ich war überrascht, wie viele aus meinem engsten Freundeskreis an ähnlichen Symptomen leiden, seit Jahren! Ein Freund aus der Kindheit sagte mir sogar, er sei total erleichtert, dass ich ihm von meiner Krankheit berichtet habe, weil er nun mit mir offen darüber reden kann, dass er schon seit Jahren selbst Antidepressiva nimmt. Es muss und darf euch nicht peinlich sein. Falls ihr euch das nicht traut, es gibt viele Hotlines, wo man anonym mit Menschen sprechen kann, die sich mit so etwas auskennen.

Als Herzstück deines Kanals nehme ich den BartLog wahr, ein Vlog, der deine persönliche Woche zusammenfasst. Woher nimmst du die Themen und wie kommt er an?

Zuerst mal hoffe ich, dass er gut ankommt, haha. Eigentlich berichte ich nur, was mir so alles durch den Kopf geht. Leider fehlt mir oft die Zeit, mehr zu machen und ich breche alles auf ein Minimum von knapp zehn Minuten herunter. Wenn ich mal ein cooles Event besuche oder reise, dann packe ich das auch in den Log. Das Feedback ist auf jeden Fall super und ich bekomme viele, nette Kommentare. Das motiviert mich sehr.

Im zweiten Teil des Interviews sprechen wir darüber, was Bruugar verdient, Schaffensdruck, Kritik, sein Treffen mit YouTube-Gigant Gronkh und Social Awkwardness.



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