„...Aber das hält einen nicht unbedingt davon ab, trotzdem ein gutes und glückliches Leben zu führen.“ - Im Interview mit: YouTuber Andre Teilzeit

Geschrieben von: Marc Braun am .


Andre Teilzeit, Pressefoto: Philip Brooks

Die deutsche YouTube-Landschaft gestaltet sich relativ bunt. Mit tausenden Let's Plays aller möglichen und unmöglichen Spiele über Comedy-Kanäle, verschiedenste Showformate bis hin zu Beautythemen gibt es auf der Plattform eine ganze Menge Content. Alles Themen, die sich eher den schönen Seiten des Lebens widmen. Auf der Startseite dominiert das natürlich. Doch das Leben hat immer zwei Seiten: Andre Teilzeit heisst uns willkommen „in der melancholischen Ecke des Internets“ (so der Einstieg seiner Kanalbeschreibung) und widmet sich der eher dunkleren Seite, in dem er ehrlich und passioniert über psychische Krankheiten spricht. Außerdem macht er sich in seinen Videos immer wieder für soziale Gerechtigkeit stark und räumt mit Vorurteilen auf. Uns hat der Kanal, der mittlerweile knapp 82.000 Abonennten zählt, so gut gefallen, dass wir den 21-Jährigen zum Interview zu seinen eigenen Erfahrungen in Bezug auf psychische Krankheiten, Lieblingsmusik, Umgang mit Hatern und Konzerterlebnisse geladen haben.

Stell dich unseren Lesern doch mal vor.

Hey! Ich bin Andre Teilzeit und war zu meiner Schulzeit weder musikalisch, noch zeichnerisch sonderlich begabt. Das erste versuche ich langsam zu ändern, aber weil ich irgendwas brauchte, um mich kreativ ausleben zu können und meinen Gedanken Luft zu schaffen, dachte ich mir als YouTube-Konsument der ersten Stunde, dass ich mich mal an Videos versuchen könnte. Irgendwie hat das dann auch langsam immer mehr Leute angezogen und so kam es dazu, dass ich heute nach über fünf Jahren immer noch dabei bin und mich immer wieder an neuen Dingen ausprobiere. Nebenbei schreibe ich außerdem für das FUZE Magazine, eine Kolumne für das LGBTQI*-Magazin dbna und helfe hin und wieder auch bei Uncle M Music aus.

Dein YouTube-Kanal „Andre Teilzeit“ dreht sich hauptsächlich um psychische Krankheiten und Geschlechterrollen. Dort kannst du aufgrund eigener Erfahrungen und recherchierten Fakten mit Vorurteilen aufräumen. Mit welchen Vorurteilen musstest/musst du selber am meisten kämpfen?

Mein Kanal dreht sich generell um psychische Erkrankungen und soziale Gerechtigkeit. Geschlechterrollen sind nur ein kleiner Teilaspekt davon, weil ich der Ansicht bin, dass gesellschaftlich konstruierte Geschlechterrollen die freie Entfaltung beschränken und oftmals auch extrem schädlichen für die Psyche sind. Das deckt sich deswegen gut in beide Richtungen.

Ich arbeite dabei weniger mit Statistiken und Fakten, die nutze ich höchstens, um meine Punkte zu untermauern, ansonsten machen das die geläufigen Dokumentationen aber schon genug. Mein Fokus liegt mehr auf Erfahrungen, Stigmatisierung, Gefühlen, Auswirkungen und Alltagsbewältigung. Das kommt oftmals zu kurz und auch wenn der wissenschaftliche Aspekt durchaus wichtig ist und in der Therapie seine Berechtigung hat, ist es für Betroffene und das soziale Umfeld doch mindestens genauso wichtig zu wissen was das mit einem macht und wie man sich am besten damit beschäftigt und darauf eingeht.

Ich habe das Glück in meinem privaten Umfeld relativ frei von Vorurteilen und Stigmatisierung zu leben, sonst könnte ich damit vielleicht nicht so offen umgehen, online höre ich aber auch immer wieder die typischen Vorurteile: Jemand mit Depressionen würde das niemals in die Öffentlichkeit tragen und so offen darüber reden, sondern das auf jeden Fall für sich behalten. Ansonsten ist es ja keine “echte Depression” und man suche ja nur Aufmerksamkeit. Außerdem würde sich jemand, der introvertiert ist oder eine soziale Angststörung hat, ja niemals vor eine Kamera stellen und darüber reden.

All’ solche Kommentare bestätigen mich aber eigentlich nur darin, dass viele Menschen immer noch eine ganz falsche Vorstellung von psychischen Erkrankungen haben und das, was ich mache definitiv seine Berechtigung hat. Da gibt’s nach wie vor viel zu tun.

Für unsere Leser, die jetzt nicht all deine Videos kennen: Woran leidest du genau?

Leiden ist ein blödes Wort. Ich HABE Depressionen und eine soziale Angststörung. Die sind ein Teil von mir, den ich mir nicht ausgesucht habe und die das Leben auf jeden Fall erschweren können, allerdings würde ich auch nicht sagen, dass man immer darunter leidet, sondern auch lernen kann damit umzugehen und das Beste daraus zu machen. Man lebt definitiv anders damit als psychisch gesunde Menschen, aber das hält einen nicht unbedingt davon ab, trotzdem ein gutes und glückliches Leben zu führen. Selbst wenn die Erkrankung dir gerne vorspielt, dass du das nicht hättest.

Wie hast du festgestellt, dass du an diesen Krankheiten leiden könntest? Was waren erste Hinweise?

Die Frage kann ich gar nicht so genau beantworten. Das fing’ schon in der Grundschule an, als ich das alles noch nicht wirklich verstanden habe und da schon mehrfach die Woche zwischen mehreren Psychologen und Hilfsstellen hin- und her gelaufen bin. Wirklich Anschluss gefunden habe ich dadurch alleine trotzdem nicht. Das kam erst, als ich in der Punk- und Emo-Szene angekommen bin, auch wenn ich nicht sagen würde, dass die Therapien völlig wirkungslos waren.

Danach habe ich mir über lange Zeit eingeredet, dass die Zeiten endgültig vorbei sind, auch wenn Freunde mir immer wieder das Gegenteil gesagt haben. Als ich dann mit der Zeit bemerkte, dass das aufstehen morgens immer schwerer fällt, ich zeitweise ganze Tage oder sogar wochenlang keinen klaren, positiven Gedanken fassen kann und auch in sozialen Konstellationen immer unfähiger zu werden scheine, habe ich mich vor ungefähr einem Jahr dazu entschieden mich erneut in Therapie zu begeben, aber mich auch nebenbei mehr damit auseinander zu setzen, was das eigentlich mit mir macht und was ich dagegen tun kann. Erst zu der Zeit wurden psychische Erkrankungen auch so ein großes Thema auf meinem Kanal, auch wenn mich das vorher immer schon interessiert hat, das hilft mir auch ein wenig dabei tiefer darein zu schauen und mich mehr mit mir selbst auseinander zu setzen.

Wie lange hast du gebraucht, bis du professionelle Hilfe in Anspruch genommen hast?

Sehr lange! Ich habe seit ungefähr 15 Jahren Depressionen und 14 Jahre davon habe ich das selber nicht mal gewusst. Damals ging das zwar recht schnell, aber da war ich auch noch so jung, dass alles von meinen Eltern ausging und ich überhaupt nicht verstanden habe, was mit mir los ist und was da gerade abgeht. Danach sind dann aber erneut acht Jahre verstrichen, bevor ich mir meine Depressionen eingestanden und mir Hilfe gesucht habe.

Wie kommt es, dass du dich nicht nur mit eigenen psychischen Krankheiten beschäftigst, sondern auch mit „fremden“? Ich kann mir vorstellen, dass man zwar gut die einzelnen Symptomatiken für sich betrachtet nachvollziehen kann, es aber schwierig ist, sich wirklich in die Komplexität dieser Krankheiten hineinzuversetzen.

Empathie ist eine Sache, Zuhören eine andere. Was ich durch eigenes Einfühlungsvermögen niemals nachvollziehen oder vollends verstehen könnte, lasse ich mir von Freunden und Bekannten erklären, die davon betroffen waren. Generell könnten wir wahrscheinlich viele zwischenmenschliche Probleme lösen, wenn wir einfach einander mehr zuhören, anstatt zu urteilen und uns nur auf unser eigenes Einfühlungsvermögen zu verlassen. Die Kommentare zeigen mir auch immer wieder, dass ich die Komplexität nach dem Gefühl der Betroffenen gut einfangen kann. Geschätzt 99% finden sich definitiv irgendwo darin wieder, Ausnahmen gibt es natürlich immer. Jeder hat seine Geschichte und ich war schon immer begeistert davon zu hören, was andere Menschen so erlebt haben.

Was ist die wichtigste Botschaft an deine Zuschauer?

Respekt, Empathie und Verständnis! In meiner Utopie schlagen Menschen nicht mehr ständig, ob nun physisch oder verbal, aufeinander ein. Viele Probleme und Missverständnisse lassen sich ganz einfach legen, wenn man sich gegenseitig zuhört, dem Gegenüber Respekt entgegenbringt und beginnt zu verstehen, wieso manche Dinge sind, wie sie sind oder wieso Menschen sich verhalten, wie sie es tun. Es gibt für fast alles eine Erklärung. Davon abgesehen finde ich es erschreckend, dass wir im Jahre 2016 immer noch über Dinge wie Frauenrechte, die Ehe für Alle und vieles weitere diskutieren müssen, obwohl es schlichtweg selbstverständlich sein sollte ALLEN Menschen die selben Rechte und die selbe Toleranz zu gewähren, solange ihre Lebenswege und Entscheidungen nicht die persönliche Freiheit der anderen einschränken. Kein Platz für menschenverachtende Ideologien, aber für alles andere.

Was möchtest du den Leuten sagen, die vermuten, an einer psychischen Krankheit zu leiden?

Redet mit jemandem darüber, dem ihr vertraut und sucht nach Psychologen in eurer Nähe. Lieber einmal zu viel nach Hilfe gesucht als einmal zu wenig und kein Freund, Partner oder Familienmitglied kann die professionelle Hilfe durch Außenstehende ersetzen. Außerdem: Finger weg von Onlinetests und Selbstdiagnosen! Das KANN helfen, um eine ungefähre Vorstellung zu bekommen, allerdings sind sich viele Erkrankungen in ihren Symptomen so ähnlich, dass nur ein Experte da ein deutliches Urteil fällen kann.

Und was möchtest du denen mit auf den Weg geben, die zwar Hilfe bekommen, aber dennoch innerlich schon längst resigniert haben?

Der Weg der Therapie ist lang. Noch niemand ist in der ersten Therapiestunde vollständig geheilt worden und es auch nicht immer das Ziel von Therapien eine Erkrankung vollends zu besiegen. Ihr lernt mit der Zeit Strategien, damit ihr eure Trigger erkennt und diese leichter meiden könnt sowie das Beste aus eurer Situation zu machen. Und dann steht euch immer noch ein gutes Leben mit vielen Möglichkeiten offen.

Du musst dich besonders auf Twitter mit einigen Hatern herumschlagen. Wie gehst du mit denen um?

Das meiste sind Trolle, deren gesamter Twitter-Alltag aus Hass besteht. Das lässt mich eigentlich relativ kalt, die blockiere ich einfach, damit mir deren Tweets nicht die Sicht auf die wichtigeren Nachrichten versperrt, mit denen ich was anfangen kann und auf die ich etwas anfangen kann.

Ansonsten diskutiere ich auch gerne viel und merke immer häufiger, dass vieles auch nur durch Missverständnisse zustande kommt. Wenn eine Nachricht einmal in die Welt gesetzt wurde, hast du halt keine Kontrolle mehr darüber, wie sie am anderen Ende des Internets interpretiert wird. Aber darüber kann man ja reden, auch wenn ich zugeben muss, dass ich oftmals schnell hitzig werde und mich zu emotional in eine Diskussion reinsteigere. Das ist definitiv keine gute Angewohnheit und daran muss ich auch weiter arbeiten.

Ansonsten integriere ich es alle paar Tage sogar mal in meinen Alltag mich zum Frühstück an Hater-Kommentaren aufzuheitern. Ich finde es eher belustigend als ermutigend, wie wütend und persönlich Menschen in der Anonymität des Internets werden, weil sie es nicht so geil finden, dass man Minderheiten die selben Rechte zugestehen will wie ihnen.

Kommen wir zu deiner Leidenschaft, der Musik: Wie bist du mit Punk und Emo in Berührung gekommen?

Meine Schwester war damals ein unglaubliches Die Ärzte-Fangirl, da wurde ich von klein auf mit sozialisiert. Daneben standen aber auch Green Day, The Offspring und Bad Religion in ihrer CD-Sammlung. Als ich so um die Jahrtausendwende mit MTV in Berührung kam, fand’ ich dann Bands wie blink-182 und Jimmy Eat World, die mich damals schon gefesselt haben, aber richtig los ging es dann erst mit 13, als ich über “For Blood And Empire” von Anti-Flag und “After The Eulogy" von Boysetsfire gestoßen bin und mehr davon wollte...

Ich hab’ mich dann schnell auf Konzerten wiedergefunden, hatte einen Freundeskreis mit ähnlichem Musikgeschmack und habe entsprechende Websites und Läden abgeklappert, bis ich dann mit 15 regelmäßig auf dem Schulhof saß und das FUZE Magazine gelesen habe. Irgendwann nimmt das einfach seinen Lauf.

Was hörst du sonst noch?

Die Grenze zwischen Emo und Indie ist ja relativ gering, deswegen höre ich wohl auch einige Emo-Bands. Als Jugendlicher war ich auch recht aktiv in der Hardcore-Szene, aber mich hat dieses peinliche Abfeiern von Maskulinität und die Gewalt immer extrem angekotzt. Dabei rede ich nicht von Pits, sondern wirklich von Crowdkills und der bloßen Zurschaustellung von Gewalt. Das hat für mich nichts mit einer Szene zu tun, die sich Inklusion auf die Fahne schreibt. Außerdem ging mir da im Zuge der Kommerzialisierung immer mehr die klare Message verloren. Anstatt eines deutlichen “Nazis raus! (aus den Clubs)” hörst du irgendwann nur noch “Passt auf eure Freunde auf”, “Wir sind alles Brüder und Schwestern”, “Kämpft für eure Brüder” und dann wundert man sich, wieso auf einmal Nazis auf den Shows auftauchen. Natürlich tun sie das! Die fühlen sich auf ihre eigene Interpretationsweise ja genauso davon angezogen. Ein paar gute Hardcore-Bands und -Alben mag ich noch, aber vieles hat für mich an Glaubwürdigkeit verloren. Ich kann auch mit Hip-Hop eigentlich absolut nichts anfangen, aber Prezident hat’s mir irgendwie angetan.

Was sind deine Lieblingsalben und warum?

Ich muss dazu sagen, dass das oft wechselt und ich mich nie auf lange auf etwas festlegen kann. Dafür habe ich einfach zu viele All Time Fav’s... Aber was soll’s:

The Get Up Kids - Something To Write Home About
Es gibt für mich kein Emo-Album der 90er, dass mich so in seinen Bann gezogen hat und mich solange unterhalten kann. Es ist zwar lange nicht so einflussreich wie Jimmy Eat Worlds “Clarity”, was ich auch sehr mag, aber jeder Song auf dem Album ist einfach eine Hymne für sich und hat für mich einfach genau den richtigen Mittelweg zwischen Indie, Punk und Pop.

Say Anything - ...Is A Real Boy
Die Band hat mich danach nie wieder richtig erreicht, aber beim Erstlingswerk hat Max Bemis einfach alles richtig gemacht. Der Mann ist einfach ein Text-Genie und bekommt es auf der Platte sowohl hin emotional zu werden als auch mal in diverse Richtungen auszuteilen. Wer es dazu noch schafft einen Song über die Judenverfolgung zu schreiben, ohne sie dabei nur als bloße Opfer zu stilisieren, sondern eben vor allem ihre menschlichen Eigenschaften zeigt, der kann nur ein begabter Musiker sein.

Sorority Noise - Joy, Departed
Deren Sänger Cameron Boucher leidet selber an einer bipolaren Störung und einer sozialen Angststörung und nutzt die Musik, um das zum Ausdruck zu bringen und zu verarbeiten. Gerade auf dem Album klingt es dabei so atmosphärisch wie nie zuvor, bleibt trotzdem immer noch gut im Ohr hängen und enthält für die Band ziemlich untypisch trotzdem noch einen Funken Hoffnung in den Songs. Das klingt genauso, wie ich es mir vorstelle, wenn ich selber mal ein Album geschrieben hätte. Genial. Wird nicht umsonst gerne als stärkstes Emo-Release aus 2015 gefeiert.

Gallows - Grey Britain
Ich mag es einfach, wenn Frank Carter mit voller Härte nach vorne prescht und all’ seine Wut gebündelt gegen die britische Regierung entfesselt. Wo bleibt da eigentlich das Vinyl-Repress?!

Against Me! - Transgender Dysphoria Blues
Die waren für mich schon vorher eine starke Band, aber gerade das Album begeistert mich nicht nur wegen der LGBTQI*-Thematik, sondern auch weil ich das Gefühl habe, dass Laura Jane Grace seit ihrem Coming-Out mit noch viel mehr Kraft und Leidenschaft an die Sache rangeht und es ist wunderbar das zu hören. Ich glaube das kann vielen jugendlichen LGBTQI*-Kids noch viel Kraft geben.

Welche Textzeile aus einem Song bedeutet dir am meisten und warum?

“Asking for help is not the same thing as failing” - Apologies I Have None

Ich hätte jetzt wahrscheinlich 1000 bessere Zeilen wählen können, die ich wahrscheinlich auch 1000 öfter wirklich gehört habe. Die Zeile bedeutet mir allerdings trotzdem unglaublich viel, weil sie mir ein Freund immer wieder entgegengebracht hat, wenn sich meine Depressionen mal wieder dem Tiefpunkt zugewendet haben und ich kurz davor stand zu verzweifeln.

Welche Bands kannst du uneingeschränkt empfehlen?

Sorority Noise, Pinegrove, Foxing, Milk Teeth, Muncie Girls, Adam Angst, Frau Potz, The Promise Ring, American Football, Heisskalt, Captain Planet, Culture Abuse, The Saddest Landscape, The Spook School, TTNG,...

Das sind nur ein paar der Bands, die NIE ein Album abgeliefert haben dass mich nicht vollends begeistert hat.

Was sind deine Lieblingskonzertlocations und warum?

Ich bin absoluter Fan vom Gleis 22 in Münster.. Kleine Location mit toller familiärer Stimmung und günstigem Bier. Außerdem sind die Leute da alle selbst praktisch Teil der Szene und deswegen nie so gehetzt den Laden möglichst schnell nach dem Headliner zu schließen. Wenn man ein paar mal da war, hat man das Gefühl jeden auf der Show zu kennen und es fühlt sich an wie so ein kleines Punk-Familientreffen.

...Außerdem mag ich das Underground in Köln sehr. Aus ähnlichen Gründen. Ich stehe einfach extrem auf kleine Shows mit guter, familiärer Stimmung, das Underground hat dazu diesen wunderbaren Vorhof, auf dem man sich zwischen den Bands in Ruhe unterhalten kann.

Wenn wir ohnehin schon bei Empfehlungen sind: Dein liebstes Buch?

Ich komme generell viel zu selten zum Lesen und habe Bücher auch erst vor wenigen Jahren wirklich für mich entdeckt, deswegen habe ich da keinen absoluten Geheimtipp. Zurzeit lese ich einfach viel Charles Bukowski.

Auf welchen Festivals trifft man dich neben dem Vainstream in Münster?

Ob ich auf das Vainstream gehe weiß ich selber noch gar nicht...Ansonsten war ich beim Uncle M Fest und werde auf jeden Fall auch wieder zu “The M-Pire Strikes Back” gehen. Miss The Stars Fest habe ich leider mal wieder nicht geschafft und ansonsten habe ich noch keine Pläne. Ich bin absolut kein Festivalmensch, ich mag eher kleine Shows.

Und was schätzt du an Festivals im Vergleich zu Einzel-Konzerten?

Festivals haben den Vorteil, dass man viele Bands für verhältnismäßig wenig Geld in extrem kurzer Zeit sehen kann. Andererseits wirkt das für mich oft aber auch wie Massenabfertigung. Als würde man nur eine Ware auf die Bühne stellen. Da mag ich kleine Shows lieber, weil sich alles menschlicher anfühlt.

Erzähl uns deine beste Konzertanekdote!

Auf mir scheint ein Fluch zu liegen, laut dem keine Adam Angst-Show in meiner Anwesenheit ohne Verletzte enden darf. Beim ersten Mal im März 2015 wollte Felix mir einen Apfel zuwerfen, allerdings kann ich nicht fangen und ein Freund hat den gegen seinen Kopf bekommen. Er dachte das hätte er nach dem Sportunterricht in der Schule endlich hinter sich. Bei der ANGSTSPRT-Tour war das Gleis 22 dann total überfüllt und ich stand in der ersten Reihe. Jedes mal wenn eine Welle von hinten kam, lag ich dann mit dem Oberkörper flach auf der Bühne. Irgendwann passierte dann das unvermeidliche und ich habe den Hals von Richards Gitarre direkt gegen den Hinterkopf bekommen. Beim dritten Mal in Bielefeld waren dann Smile and Burn als Support da. Muss ich nichts zu sagen, oder? Wenn Sören Gitarre spielt, gilt das doch sicher als Körperverletzung. (Psst! Nicht verraten, dass ich das gerade gesagt habe!)

Hast du Filmtipps über psychische Erkrankungen? Welche Filme bemühen sich um eine realistische Darstellung?

Der absolute Klassiker wäre auf jeden Fall “Vielleicht lieber morgen” (Originaltitel: “The Perks of Being a Wallflower”) und der zeichnet auch ein relativ realistisches Bild davon. Den empfehle ich immer gerne weiter. Außerdem fand’ ich “It’s Kind Of A Funny Story” ziemlich gut! Der ist zwar eher humoristisch angehaucht, zeigt aber auch gut die Widersprüche einer psychischen Erkrankung, die sich dennoch nur mit Humor bekämpfen lassen und nicht mit Objektivität. Wer an psychischen Erkrankungen leidet, muss einfach viel über sich selber lachen, damit es erträglich ist. Außerdem bin ich großer Fan von “The Place Beyond The Pines” und “Blue Valentine”, die haben zwar nicht direkt mit psychischen Erkrankungen zu tun, allerdings basiert bei beiden die Story auf den Auswirkungen verschiedener zwischenmenschlicher Beziehungen und verschiedener Erlebnisse auf die eigene Psyche.

Welches deiner eigenen Video würdest du jemanden zeigen, der dich nicht kennt? (Wird dann selbstverständlich hier eingebettet.)

Ich mag tatsächlich mein neustes über schreckliche Therapie-Erfahrungen sehr:

Welche Anlaufstellen außer dir kannst du noch empfehlen, wenn man sich über psychische Krankheiten informieren will?

Alles, was man zur Verfügung hat. Dokumentationen, Bücher, Selbsthilfegruppen, lokale psychotherapeutische Netzwerke...Die Möglichkeiten sind vielseitig und alles ist ziemlich individuell. Es gibt kein Geheimrezept. Alles hat irgendwo seine Daseinsberechtigung und jeder findet durch etwas anderes die beste Hilfe.

Am Ende deiner Videos sagst du stets: „Ich bin ein süßes Alpaka, du bist ein süßes Alpaka und jetzt regt euch darüber auf, dass ich das sagen darf.“ Wie kommt es eigentlich zu deiner Abmoderation? Steckt da 'ne Geschichte hinter?

“You support gay rights, so you must be gay!” “I also support animal rights, do I look like a fuckin’ alpaca to you?!”

Das habe ich damals irgendwo auf Twitter oder Tumblr gelesen und hab’ nach Alpacas gegooglet. Ich war irgendwie total fasziniert von diesen Tieren, sodass ich das ganz spontan in ein Video eingebaut habe. Ursprünglich war das als einmaliger Zusatz gedacht, aber irgendwie kam das so gut an, dass sich das über längere Zeit gehalten hat und bis heute noch seinen Platz findet.

“Jetzt regt euch drüber auf, dass ich das sagen darf.” war sogar schon weitaus früher da und bezieht sich einfach auf den kompletten Videoinhalt. Das stammt aus einer Zeit, in der ich bei meiner Wortwahl noch viel offensiver und direkter war und dementsprechend fühlten sich Leute da auch schneller angegriffen.

Vielen Dank für das ausführliche Interview, Andre!

(Die Fragen stellte: Marc Braun)

Jeden Donnerstag erscheinen auf seinem Kanal Andre Teilzeit neue Videos zu den Themen mentale Gesundheit und soziale Gerechtigkeit.

Links:
www.youtube.com/user/Teilzeitnerd
www.twitter.com/andreteilzeit
www.facebook.com/andreteilzeit

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