Ein Festival voller Emotionen: So war das New Fall Festival 2017 in Düsseldorf

Geschrieben von: Paul Schall am .

Love A, muss man selber spüren. (Foto: Paul Schall)

Vom 16.11.-19.11.2017 fand das inzwischen 7. New Fall Festival in Düsseldorf statt und präsentierte dieses Jahr unter anderem Die Höchste Eisenbahn, Mogli, Julien Baker, Megaloh, Glen Hansard, Love A und Anna Ternheim, um nur eine kleine Auswahl der Künstlerinnen und Künstler zu nennen. Musiziert wurde an verschiedenen Veranstaltungsorten in der Stadt verteilt. Die drei Konzerte, die ich besuchen durfte, fanden im Bachsaal der Johanniskirche (Julien Baker), im Sipgate (Love A, Isolation Berlin, Gurr) und im Tanzhaus NRW (Anna Ternheim) statt.

Donnerstagabend 22 Uhr: Die junge Songwriterin Julien Baker aus Memphis, Tennessee betritt den Bachsaal der Johanniskirche. Das bunt gemischte Publikum begrüßt sie mit lautem Beifall und schon geht es los. Für die Musikerin, die aus ihrem christlichen Glauben kein Geheimnis macht, muss es besonders schön sein, in einer so beeindruckenden Kirche auftreten zu dürfen. Julien Baker braucht nicht viel, um ihr Publikum in einen Bann zu ziehen. Eine Gitarre, ein Keyboard und natürlich ihre Stimme. Diese zarte, leise und doch so kraftvolle Stimme, die einen verzaubert und in ihr tiefstes Innere blicken lässt. Auf der Empore des Bachsaals wippen einsame Männer mit den Füßen und junge Pärchen kraulen sich, während Julien Baker von ihrer Trauer und ihrem Leben singt. Es ist ein traurig schöner Abend, der keine sichtbaren Narben hinterlässt, aber von seelischen Narben handelt.

Julien Baker in der Johanniskirche (Foto: Paul Schall)

Samstag 18.11.2017, Sipgate Düsseldorf

Den Anfang machen Gurr, die mit ihrem wavigen Garage-Sound bei vielen derzeit hoch im Kurs stehen und sichtlich Spaß auf der Bühne haben. Bei dem zweistimmigen Gesang und dem dreckigen Gitarrensound halten nur wenige Füße still. Gegen Ende wird noch der Hit „Hollaback Girl“ von Gwen Stefani gecovert und Sängerin Andreya lässt sich vom Publikum auf Händen tragen. Die Band feiert sich selbst, das Publikum tanzt dazu. Wahrscheinlich ist das bei Hipstern so.


Wavey wavey wird's bei bei Gurr (Foto: Paul Schall)

Die in der Musikfachpresse gefeierten Isolation Berlin sind als nächstes dran. Ihre Musik ist gezeichnet von emotionaler Schwere, großer Leere, Hass, Wut und Angst. Das zeigt sich auf der Bühne vor allem in den Texten, die von einem ruhigen Sound begleitet werden, wodurch die lyrische Verzweiflung besonders in den Mittelpunkt gestellt wird. Das Publikum ist natürlich textsicher und wandelt die musikalischen Emotionen auf der Bühne in ein wildes Tanzen vor der Bühne um.


Emotion bei Isolation Berlin (Foto: Paul Schall)

Bevor Love A den Abend im Düsseldorfer Sipgate ausklingen lassen dürfen, verändert sich das Publikum vor der Bühne deutlich: Von gemischt zu tendenziell jung. Sänger Jörkk Mechenbier trinkt vor dem Auftritt schnell zwei, drei Schnaps. Sei es aus Lust an der Freude oder aus Nervosität. Die Folge ist gute eine Punkrockshow mit Mechenbier als Rampensau, der rotzt als gäbe es kein Morgen. Zwischendrin entgegnet er dem Publikum: „Geht's euch gut? Warum? Schon mal Tagesschau geguckt?“, um im darauf folgenden Lied dann wütend und müde zugleich „Deutschland, Arschloch, Fick Dich.“ zu brüllen. Love A bringen alles mit, was ein gebührender Abschluss so braucht: Intelligente Texte, Wut, hohe Intensität an den Instrumenten und Spaß an der Musik. So etwas spielt man nicht, man lebt und spürt es. Jede Zeile, jeder Akkord. Und das Publikum zahlt es mit Schweiß, Applaus und Liebe zurück.

In den sozialen Netzwerken wird das Konzert mit Gurr, Isolation Berlin und Love A bereits als Konzert des Jahres betitelt, was zum einen natürlich an den herausragenden Musikerinnen und Musikern, aber auch an der ungewöhnlichen Venue, sowie den Getränken auf Spendenbasis liegt.


Love A, muss man selber spüren. (Foto: Paul Schall)

Bitterlich kalt ist es an diesem Sonntag. Der Herbst zeigt sich von seiner ungemütlichen Seite. Anna Ternheim beendet das diesjährige New Fall Festival Düsseldorf im Tanzhaus NRW. An ihrer Seite ist Martin Hederos, einst Musiker von The Soundtrack Of Our Lives, der an diesem Abend Keyboard, Klavier, Orgel, Akkordeon und Geige spielt und damit Anna Ternheims Gesang und Gitarrenspiel auf wundervoll abwechslungsreiche Art begleitet. Kurz vor Ende des Konzerts präsentiert er ein eigenes, rein instrumentales Lied, um dann wieder seinen Platz als stille Begleitung einzunehmen. Es sind wieder die Emotionen der Texte, die auffallen und den Abend zu etwas Besonderem machen. So singt Anna Ternheim ihr berührendes Liebeslied „The longer the waiting, the sweeter the kiss“ und nimmt das Publikum mit in die Welt ihrer Gefühle. Das macht sie mit einer routinierten Leichtigkeit und man spürt, dass sie dankbar dafür ist, auf der Bühne stehen zu können. Das Konzert ist ein ruhiger versöhnlicher Abschluss eines Festivals, das weiter wächst und neue Wege geht. Wir können uns auf 2018 freuen und dürfen gespannt sein, was dann aus dem Hut gezaubert werden wird.

(Paul Schall)


Anna Ternheim breitet ihre Gefühlswelt aus (Foto: Paul Schall)

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