Happy Birthday, altes Haus: So war das Green Juice Festival am 18. & 19.08.2017 in Bonn

Geschrieben von: Micha Schmidt am .


Madsen beim Green Juice Festival 2017 in Bonn, Foto: Micha Schmidt

Geburtstage sind eine knifflige Sache, man kann noch so gut planen, viel zu oft ist Improvisieren das Mittel zur Wahl. Erst wenn sich die Probleme häufen, zeigt sich wie gut die Stimmung eigentlich ist. Denn wenn Geburtstagspartys ins Wasser fallen, kann man alles hinwerfen, sich zurückziehen und über die Welt jammern. Oder man macht es wie die Teilnehmer am zehnten Jubiläum des Green Juice Festivals und versucht, das Beste daraus zu machen. Schallhafen war dabei und gibt euch einen kleinen Blick auf einen der nassesten Geburtstage, die wir je erlebten.

Der Freitag des Green Juice jedenfalls entwickelt sich zu dem Geburtstag, wo keiner auf der eigenen Party auftauchen konnte, da alle anderwärtig verabredet sind, das Wetter scheiße ist, dir niemand gratuliert und du dich frustriert mit ner Flasche Rum an den Küchentisch zurückziehst, nachdem du viel zu teure Klamotten im Netz bestellt hast. Im Bla spielen Lygo, aber was zuerst nur als Vorgeplänkel vor dem eigentlichen Festival gedacht war, scheint alles zu sein, was man an Musik sehen wird, die Absage für den Freitag aufgrund des Wetters kommt ziemlich schnell danach. Der Ansturm im Bla ist riesig, für alle scheint dies die einzige Möglichkeit zu sein, überhaupt noch etwas vom Festival mitzubekommen, ob der Samstag stattfindet, ist gerüchteweise unsicher (auch wenn dies von der offiziellen Festival Leitung nicht in Frage gestellt wird) und einige machen sich generell Gedanken um die Zukunft des Green Juice, denn ein Totalausfall ist der finanzielle Supergau.

Aber wie der beste Freunde, der einen am Küchentisch mit einem Geschenk überrascht und einen mitreißt, um dann doch noch feiern zu gehen, kommt während des Konzert die Nachricht rein, dass die Aftershow-Party vorverlegt wurde und dass die Headliner des Abends dort kleine Sets spielen werden. Also begeben sich die Massen an's andere Rheinufer, wo wir schon von einer langen Schlange empfangen werden. Die Stimmung ist gelöst, alles was jetzt noch kommen mag, wird als Bonus angesehen, es wird gesungen und gesoffen, man tauscht sich über Anfahrtswege und aus und überlegt gespannt, welche Bands denn heute noch spielen würden. Als dann der Einlass endlich losgeht, strömen die Massen in die Halle, die von innen eher nach einem Kabarettabend in der Provinz als nach Festival aussieht (tatsächlich hat die fleißige Crew kurz vorher alle Tische und Stühle entfernen müssen, als der Veranstalter zubilligte, die Halle noch nutzen zu dürfen). Drinnen spielt schon die erste Band, die ursprünglich nicht vorgesehen war, sich aber spontan bereit erklärte einen Auftritt hinzulegen. Während Ska-Punk von The Prosecution durch die Halle strömt, sammeln sich die Zuschauer vor der Bühne, beginnen zu pogen, singen mit. Auch als Blackout Problems, The Nosebreakers und Adam Angst die Bühne betreten und schließlich die gesamte Halle bebt, springt und mitsingt, wird deutlich, dass der Festival-Spirit noch nicht gebrochen ist.


Smile & Burn, Foto: Micha Schmidt

Gleicht der Freitag einem enttäuschend begonnen, aber nachträglich geretteten Geburtstag, so ist am Samstag viel mehr vom Partyfeeling zu spüren, dem sich am gestrigen Tag zu viele Dinge entgegenstellten, wenngleich das Gelände noch immer Probleme bereitet. Das Green Juice Gelände ist wie ein großes Freiluftkino aufgebaut, so dass man, wenn man nicht in der ersten bis siebten Reihe stehen will, bequem auf dem umgebenden Hügel sitzen und die Bands beobachten kann. Doch schon nach wenigen Sekunden auf dem Gelände wird deutlich, dass obwohl die Veranstalter den gesamten gestrigen und heutigen Tag damit verbracht haben, den Boden begehbar zu machen, festes Schuhwerk ein definitives Muss ist. Der Spirit des gestrigen Abends ist bei den heutigen Bands ungebrochen, so mies die Bedingungen auch wettertechnisch geworden sind, alle sind bereit Vollgas zu geben und zu zeigen, dass man sich nicht von außen diktieren lassen will, wie man und wann man sich zu feiern hat. Das Publikum ist wild und zum großen Teil recht jung, für viele dürfte es eines der ersten Festivals sein, jede Band und jede Ansage wird frenetisch aufgenommen, während die Festivalerfahreneren ein wenig ruhiger agieren und immer wieder den Boden mit ihren Blicken taxieren oder sich unterhalten, als würde sie auf eine unsichtbare Bestätigung warten, dass das Festival wirklich stattfindet.

Doch spätestens bei Alex Mofa Gang taut auch dieser Teil des Publikums auf. Nicht nur, dass nun feststeht, dass der Festivals Samstag in seiner geplanten Form stattfinden wird, auch die Jungs um Sänger Sascha Hörold steigen mit voller Energie ein, treffen den Ton zwischen jenen tiefen Momenten, in denen einem selbst die Stimme versagt und ehrlichen, harten Punkrock, inklusive Ritt auf einem Pappschild. Le Fly sind gern gesehene Gäste auf dem Green Juice, schon des Öfteren dagewesen und im Gegensatz zu anderen Bands nicht in Skandale um Gulasch involviert. Tanzmusik aus St. Pauli wurde gewünscht, Tanzmusik aus St. Pauli wird dargeboten. Mit ihrer Mischung aus Ska, Rap und Reggae sind sie Meister darin, die Tanzflächen dieser Republik in brodelnde Hexenkessel zu verwandeln und was in Clubs und Hallen mitreißt, lässt sich auf vom Festivalschlamm schon gar nicht aufhalten. Smile & Burn sind mein persönlicher Headliner der Herzen. Nachdem ich die letzte Platte sehr gefeiert habe, hatte ich mich wie Bolle gefreut, sie live zu sehen. Und jedem, der an der Live-Qualität ihres aktuellen Tonträgers gezweifelt hat, hauen sie in den folgende Minuten Songs um Song, Zeile um Zeile um die Ohren. Der Green Juice Geburtstag hat sich endgültig zur der Party gewandelt, auf die alle gehofft haben und Schweiß, Tränen und durchnässte Klamotten von Crew, Bands und aller Besucher zahlen sich nun endgültig aus. Dann setzt erneut der Regen ein.


Schlammparty in Bonn, Foto: Micha Schmidt

Spätestens bei Itchy beginnt endgültig das Duel Of The Bastards. Der Regen setzt ein und der Schlamm wird noch schlimmer, die verteilten Regencapes reichen kaum aus und dennoch steigen die Zuschauer in den Schlamm, sodass der Pit nach drei Songs einem Schlachtfeld gleicht. Die Stimmung ist fantastisch, die Regencapes werden abgezogen oder zerrissen, neben nassen, im Gesicht hängenden Strähnen und Schlammspritzern ist bei allen ein breites Grinsen zu sehen. Itchy zeigen sich beeindruckt, spornen das Publikum weiter an und lassen selbst immer wieder das Publikum und die Veranstalter hochleben, bevor sie den Weg für die Band des Abends freimachen. Auf Madsen ruhen danach alle Augen, immerhin waren sie der Wunschheadliner der Veranstalter, auf den sie seit Jahren gewartet haben und den sie nun zum zehnjährigen endlich präsentieren dürfen. Und sie liefern ab. Der Himmel ist längst ins Abendrot getaucht und Madsen spielen sich quer durch ihre Hits, könnten aber auch einfach nur die Lippen bewegen, denn das Publikum zeigt sich äußerst textsicher und singt jede Zeile mit. Alte Indiehits, Balladen, dunkle rockige Nummer, Madsen führen durch ihre Bandgeschichte, ohne Angst vor Nostalgie, von „Siren“ über „Du schreibst Geschichte“, von „Nacktbaden“ bis zu „Love Is A Killer“. Und etwas Weiteres kommt hinzu, das Wissen die Band zu sein, auf die das Publikum seit Monaten gewartet hat. Sie haben sichtlich Spaß daran, den Festivalheadliner zu geben und hauen vom Opener bis zur Zugabe ein Set raus, das seinesgleichen sucht.

Und auch wenn man sich zum zehnjährigen ein Feuerwerk zum Ausklang gegönnt hat, ist das schönste Geschenk wohl das Versprechen von Madsen, dass sie auf jeden Fall wiederkommen werden. Und auch wenn es Warterei, Ungewissheit und viel Frust gab, merkt man, dass dieses Festival lange im Kopf bleiben wird, als Erinnerung daran, was man mit Einsatz und Bock auf einen richtig guten Abend erreichen und mit wieviel Lust man sich den Frust von der Seele feiern kann. Well played, Green Juice. Auf die nächsten 10 Jahre! Ausrufezeichen.

(Micha Schmidt)

Links:
www.green-juice.de
www.facebook.com/greenjuicefestival
www.instagram.com/greenjuicefestival

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