Rock isn’t really dead: So war das Rockaue Festival am 08.07.2017 in Bonn

Geschrieben von: Micha Schmidt am .


Das Rockaue Festival, Foto: Micha Schmidt

Zu viel ist in den letzten Wochen geschehen, als dass sich ein Festival einfach so ereignen könnte. Schon allein das Rucksackverbot (das zugegebenermaßen auch schon bei diversen Konzerten galt) erinnert einen ungewollt an die Anschläge in England und bei diversen Gesprächen (wie später bei den Bandansagen) ploppt immer wieder G20 auf, wie ein ungebetener Gast auf einer WG-Party. Dabei strahlt die Sonne hell und klar über dem Gelände der Rockaue, als ich mit einigen Freunden auf einen angrenzenden Hügel sitze, kurz bevor der Einlass beginnt.

Wenig ist anders, einige spielen Flunkyball, die meisten trinken selbstgemachte Mischungen aus PET-Flaschen und Musik strömt aus übersteuerten Bluetooth-Boxen auf einen ein. Selbst der fehlende Rucksack wird auf dem Gelände durch einen zugleich geschenkten Jutebeutel ersetzt, was zugleich einen neuen Flachwitz hervorbringt („Ey, wann spielt denn Knauber, die scheinen viele Fans zu haben!“). Aber dennoch fehlt etwas. Man fühlt sich wie in einer Beziehung, in die man zurückkehrt, obwohl der Partner einen betrogen hat. Mein Vertrauen in Festivals ist nachhaltig gestört.

Dabei erfüllen gerade Festivals wie das Rockaue eine wichtige Funktion. Tagesfestivals waren und sind der Kurzurlaub der Generation Praktikum. Was auffällt, ist die relativ hohe Zahl an Millenials, die mit geübter Routine über das Gelände laufen, vor den Bühnen warten oder sich die Zeit zwischen den Bands mit Smartphone und Seifenblasen vertreiben. Tatsächlich bilden sie oftmals den harten Kern des Publikums, selbst Bands wie Massendefekt, die schon seit einigen Jahren dabei sind, werden von ihnen am Frenetischsten gefeiert. Und tatsächlich sind sie es auch, die für Stimmung auf dem Gelände sorgen und wirklich Bock haben, während die Generation Praktikum eher nach Ballermann mit angrenzender Musikbegleitung sucht.

Für viele, die nicht in unmittelbarer Nähe wohnen, stellt das Rockaue die Chance dar, ein wenig Festival-Atmosphäre zu schnuppern und sich dem Gefühl hinzugeben, einige Lieblingsbands zu sehen und sich mit Gleichgesinnten die Kante zu geben, ehrenwerte Motive auf jeden Fall. Doch die hedonistische Grundstimmung, die noch auf vielen Festivals der Nuller-Jahre vorherrschte (und immer noch eine wichtige und berechtigte Rolle spielt), ist in den Hintergrund getreten. Die Stimmung ist weitestgehend entspannt und friedlich, wer gerade keine Band sehen will, chillt sich in Kleingruppen auf dem angrenzenden Rasen die Basis oder wandert über das Gelände. Als die ersten Bands zu spielen beginnen, ist die Besucherzahl indes noch entschieden gering, nimmt aber im Laufe des Abends zu. Besonders fünf Bands stechen im Laufe des Tages hervor:

Mit Atlin hat sich das Festival echt einen Gefallen getan, auch wenn sie leider mit den ersten Slot zu kämpfen hatten, der traditionell nicht so gut besucht wird. Atlin haben wirklich Kampfgeist bewiesen und ihr Set sehr professionell gespielt und definitiv einiges an Live-Qualitäten vorzuweisen, eine Kariere die man weiterverfolgen sollte. Ein später Slot sollte auf bei späteren Auftritten gerne drin sein, verdient hätten es die Jungs.


Atlin, Foto: Micha Schmidt

Doch auch Neufundland hatten mit den Mangel an Publikum zu kämpfen, der ja bei Tagesfestivals, wo die Leute nicht nebenan zelten, immer ein ziemliches Problem darstellt. Die Jungs sind ein fantastischer Akt und schaffen es die Bühne zu füllen, aber mit dem Mangel an Leuten zu kämpfen (der bis 15 Uhr auch bei den anderen Bands zu spüren war), ist nicht angenehm. Tatsächlich ist dieser Mangel aber auch die Schattenseite eines Vorteils des Festivals, dessen weitläufiges Gelände immer Rückzugsmöglichkeiten und Ausweichgelegenheiten bot. Zwischen den Wunsch, Lücken zu füllen und Rückzugsflächen zu schaffen, ist immer schwer zu vermitteln und aus persönlichem Wunsch weiß ich, wie wertvoll das Mehr an Platz ist. Vielleicht wäre auch etwas gewonnen, wenn die Leuten einfach mal pünktlich kämen, den schließlich habt ihr ja für alle Bands bezahlt, aber das ist auch jedem selbst überlassen. Aber dennoch zeigen sie mit ihrem Auftritt, dass hinter ihrem Ruf mehr steht als bloßer Hype.


Heisskalt, Foto: Micha Schmidt

Heisskalt waren mein persönliches Highlight dieses Festivals, die Energie die sie in ihren Auftritt steckten, traf auf eine Crowd, die bereit war diese Energie aufzusaugen und im besten Sinne sich, die Band und das Leben zu feiern. Dabei präsentierte die Band einen vollen, satten Sound, während das Publikum Konfetti wirft und den Circle Pit immer weiter ausdehnt. Matze, der Sänger der Band, artikuliert was viele andere auszusprechen versuchen: Es fällt ihm schwer, angesichts der Bilder aus Hamburg etwas Sinnvolles zu sagen, deswegen wünscht er sich nur für die Anwesenden: Betäubt euch nicht mit irgendeiner Scheiße, nehmt eure Wut und Frustration und macht was Wunderbares daraus.

Massendefekt zeigen ihrerseits an, wie sehr sich konstante Arbeit und Präsenz am Ende auszahlen. Die Arbeit der letzten Jahre, Konzerte in kleinen Clubs oder vor einer der größten Band der Welt, all dies gibt eine Selbstsicherheit bei ihrem Auftritt, der nicht zur Routine verkommt. Dass sie ein Planlos-Cover raushauen, macht einen alten Grevenbroicher natürlich nachträglich sehr wohlgesonnen. Man findet gerade jetzt wieder einen Raum für die Wut, die man mühsam durch jahrelange „Ist-das-noch-Punk?“ und „Ausverkauf!“-Vorwürfe bewahrt hat und wird dafür gefeiert, als wäre man selbst einer der alten Helden des Rock’n’Rolls.


Einblicke vom Rockaue, Foto: Micha Schmidt

Für Callejon wird das Rockaue schließlich zum Testfeld. Ihr neues Album steht kurz vor der Veröffentlichung und muss sich gegen seine gefeierten Vorgänger verteidigen, von denen eines größer wurde als das nächste. Doch schon mit ihrem ersten Song zeigen sie, dass die Vorschusslorbeeren auf das eigene Werk berechtigt sind, lösen wieder einmal Genregrenzen auf oder verschieben sie ins Nichts, während die Nacht im Lichtregen zerschießt.

Zurück bleibt der Eindruck, nicht alles gesehen und getrunken zu haben (wie immer, wenn Bands parallel spielen) und das Gefühl einer großen inneren Befriedigung. Denn auch wenn Kleinigkeiten verbessert werden könnten, das Rockaue zeigt die richtige Richtung auf, in die sich Festival bewegen könnten. Die Mischung an Bands war perfekt, das Publikum hatte Bock und während die Massen zum Zug stapfen, hört man von allen Bühnen begeisterte Ausrufe. Denn trotz Terror und Identitätskrise, hier zeigt sich deutlich, was ein Festival besten Fall bedeuten kann: Sich, seine Freunde und die Musik zu feiern und zu wissen, dass es da draußen mehr gibt als das, was einem Angst macht. Well played, Rockaue.

(Micha Schmidt)

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