Jeder peilt die Antilopen Gang: So war das Open Source Festival 2017

Geschrieben von: Marc Oliver Braun am .


Die Antilopen Gang beim Posen, Foto: Marisa Bommes

Jahr für Jahr im Juli erklingt er und wir folgen ihm immer wieder gern: Dem Ruf der Rennbahn! Denn am 08.07.2017 stand das zwölfte Open Source Festival in Düsseldorf Grafenberg an. Dass nicht nur wir diesem Ruf folgen wollten, sondern ebenso zahlreiche andere Festivalfans, zeigte sich einerseits am Besucherrekord von 7.000 Leuten und andererseits an der ziemlich langen Schlange vor dem Presse- und Gästelistenschalter. Wir haben uns also brav, aber schon etwas ungeduldig eingereiht, weil der Auftritt der Indieband Sterne in Kürze starten sollte. Ein Shuttlebus nach dem anderen traf ein und spülte die Leute bei bestem Sommerwetter an die schöne Galopprennbahn, während wir bereits die ersten Riffs der vier Vertreter der Hamburger Schule erkennen. Also schnell durch den reibungslosen Einlass mit gut gelauntem Personal, ein weiteres Open Source Bändchen ans Handgelenk, schnellen Schrittes zur Mainstage, athletisch vorbeigeschlängelt an all den bunten Decken, den entspannten Leuten und ab auf die Tribüne, die sich perfekt eignet, um erstmal entspannt anzukommen bei dem Spektakel.

Was im Vergleich zu den Vorjahren auffält: Die Band mit einer Historie bis ins Jahr 1992 sorgt schon zu früher Stunde dafür, dass die grünen Stellen auf der Wiese weniger werden, da sich schon eine beachtliche Anzahl an Musikfetischisten hier versammelt hat. Das soll belohnt werden, denkt sich Sänger und Gitarrist Frank Spilker wohl und kredenzt ein Set, dass ihre Disko-Phase, alte Klassiker und die zielsicheren Hits in den Fokus rückt. So lässt es sich bestens zu elektronischen Beats mit "Depressionen aus der Hölle" oder "Deine Pläne" tanzen. Doch auch jazzige Rocksongs wie "Risikobiographie" vom 1996er-Album POSEN und Hits wie "Universal Tellerwäscher" oder das alles überstrahlende "Was hat dich bloß so ruinert" feuern den ein oder anderen Fan an, lautstark mitzusingen. Spilker glänzt dabei eher durch die Texte als mit einer ausgeprägten Gesangsbandbreite, doch genau diese Texte in Kombination mit dem stimmigen Instrumentalparts sind es, für die man die Hamburger ja sehen will. Ein gelungener Einstieg in den musikalischen Tag.


Die Sterne, Foto: Marisa Bommes

Wir schlendern über das Gelände, um die bunten Stände auszuchecken und sofort stellt sich wieder dieses schöne, vertraute "Hier bin ich zu Hause"-Gefühl ein. Während es auf anderen Festivals auf Suff, Eskalation, und kostümierten Krawall hinausläuft, sieht man den Menschen ihre Tiefenentspannung hier richtig an. Der Gang gemächlich, das Lächeln zufrieden, das Outfit wohlgewählt: Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass das Open Source eines der wenigen Festivals ist, das im Zeichen der Entschleunigung und Erholung steht. Und erholen lässt es sich auf der saftigen Wiese bei gutem Wetter, besten Klängen, diversen Leckereien sowie gekühlten Getränken einfach am besten. Das Aufeinandertreffen von mehreren tausend Leuten zeigt für Festival- und Konzertverhältnisse eine selten gesehen Vielfalt. Von hippieesken Geisteswissenschaftlern über musikbegeisterte Mittdreißiger mit Kleinkind im Arm, Kulturfreunde älteren Semesters, Instagram-Narzissten, trendbewusste Electrofans, polohemdtragenden Föhnfrisurverehrer bis hin zu volltätowierten Vollblutfans sieht man hier wirklich alle in friedlicher Union. Das stilbewusste- und übergreifende Klassentreffen der Düsseldorfer Kulturszene gewissermaßen.

Neben drei Bühnen bietet das Open Source außerdem die Open Squares, in denen sich Kreativschaffende aus den verschiedensten Bereichen der Außenwelt in kleinen, runden Pavillons präsentieren. So zum Beispiel abermals die Konsolenkinder, an deren Retrogames man sich stilecht mit den alten Originalkonsolen verdingen konnte oder dem oninösem Kiosk.to mit ihrer großen Austellungsbox, bei dem ich noch immer nicht so ganz verstanden habe, worum es sich bei dem Projekt mit dem "Ein Herz für Tinder"-Shirt denn nun eigentlich dreht. Als wir uns auf zum Presse- und Künstlerbereich machen, freue ich mich abermals über die gemütlichen Riesensitzsäcke und die frischen Gänseblümchen auf den Holztischen, stelle aber tief trauernd fest, dass der große Kühlschrank mit Bier und Fritz-Kola einem Tisch gewichen ist, auf dem ein paar bunte Fritz-Variationen angeordnet sind. Aber kein Bier! KEIN BIER. Es hatte sich aus Sicht der Veranstalter im Vorjahr wohl scheinbar nicht als eine gute Idee heausgestellt, die Journallie fachgerecht mit kühlem Blonden zu bestechen. Zwinker. Klappt bei mir allerdings immer. (Realtalk: Nein, natürlich darf auch die schreibende Zunft ganz normal für ihr Bier zahlen, das finde ich natürlich absolut nachvollziehbar.)

Ein Blick auf die Uhr sagt uns, dass wir den Weg zur Mainstage antreten sollten, denn da macht sich die Antilopen Gang für ihr großes Heimspiel bereit. Das prächtige Bühnenbild für ihr aktuelles Album Anarchie und Alltag steht schon und der Platz vor der Bühne wird zusehends enger, also Vorhang auf für Koljah, Panik Panzer und Danger Dan, die zum Einstieg ihr trojanisches Pferd entfesseln und keine Sekunde brauchen, um sich warmzuspielen, denn diese drei meinungsstarken Herren sind von Anfang an im Modus. Ich rappe wie schon bei ihrem Tourstopp in Köln Anfang des Jahres jede Zeile laut und schief mit und stoppe nich einmal aus Gründen der Awkardness, als die Musik für den Refrain aussetzt und sich wie so oft auf Konzerten kaum einer traut diesem Moment stimmlich zu stellen. In der Menge tummeln sich viele Shirts der Paarhufer und so verwundert es kaum, dass das gediegene Open Source kurzzeitig zum Splash Festival mutiert, bouncende Arme und ausgetsreckte Mittelfinger inklusive. Immer pendelnd zwischen vermeintlichem Quatsch wie "Pizza" und "Liebe Grüße", politischer Message wie "Beate Zschäpe hört U2" und "Tindermatch" oder dem Blick in die Psyche der Protagonisten wie bei "Patientenkollektiv", performt sich die Gang allmählich in die Herzen der Besucher. Als irgendwann die großen Boxen mit dem darauf prangenden  "A" (für den Albumtitel Anarchie und Alltag) ihre Hüllen fallen lassen und Drummer, Bassist sowie Gitarrist zutage fördern, übrigens mit einem Saitenzupfer der Punkband Kotzreiz, legt die Band im Publikum spontan nochmal ein paar Grad zur Außentemperatur drauf. Die Punkrock-Versionen ihrer Hits sind wie gemacht dafür, live den Acker umzupflügen. Ganz so maßlos gibt das Gros der Besucher dem Abriss zwar nicht hin, dennoch liefern die Hip Hopper den Punk, für den Düsseldorf mit seinem Ratinger Hof vor gefühlt hundert Jahren mal stand, zurück und setzen damit einen beeindruckenden Gegenpol im diesjährigen Line Up. Bermekenswert sind darüber hinaus nicht nur die ebenso am Punk geschulten Tanzmoves von Danger Dan, sondern auch der Größenwahn seines Bruders Kyng Panik Panzer, den er in den Ansagen zu zelebrieren weiß. Herrlich. Nach Veröffentlichung ihres Albums ANARCHIE UND ALLTAG im Januar ist eine Menge geschehen: Sie sind kurzzeitig auf Platz 1 der Albumcharts gelandet, tourten unermüdlich, bekamen Stress mit der österreichischen Partei FPÖ und eine Portion Hass von Pegida und AfD für ihr komplett wörtlich zu nehmendes "Atombomben auf Deutschland"-Shirt ab, sodass diese armen Gruppierungen nach einem Verbot forderten. Die Folge: Umsatzsteigerung der Shirtverkäufe und einige ganz schön besorgte Wutbürger-Kommentare. Anstatt sich von so etwas einschüchtern und aufhalten zu lassen, bestätigen solche Reaktionen die Drei allerdings nur in ihrem Handeln, wie sie Düsseldorf-Grafenberg wissen lassen.


Erst in die Hocke und dann ausrasten bei der Antilopen Gang, Foto: Marisa Bommes

Da zwar nur Koljah tatsächlich noch in der Modestadt Düsseldorf wohnt, aber alle einen großen Bezug zur Stadt haben, blicken sie heute von der Bühne in viele bekannte Gesichter. Freunde und Familie schauen sich aus nächster Nähe an, wie sich die Krawallrapper von kleinen Jugendzentren mit einer handvoll Menschen auf die Hauptbühne des renommierten Festivals gespielt haben. Die verstorbene, vierte Antilope NMZS war Freund der Veranstalter und immer gerne Gast an der Rennbahn. Ihm zum Gedenken haben sie den Song "Nie mehr zurück" der zutiefst berührenden ASCHENBECHER-EP aus dem Jahre 2012 gewidmet, in dem NMZS mit Danger Dan davon rappt, dass er die Aschenbecher-Lebensphase, eine traurig-schöne Metapher für die Depression, besiegt hat. Tragischerweise ist seine schwere Depression der Grund, warum er sich im Jahre 2013 dann das Leben nahm. Danger trägt das Stück gefühlvoll auf dem Klavier vor. Sein Freund Koljah übernimmt die Zeilen von NMZS, dessen Mutter im Publikum steht und mir kommen in diesem, trotz 7.000 Besuchern, intimen Moment die Tränen. Denn die Zeilen von NMZS sind geprägt vom Ende einer sehr schweren Zeit, er blickt endlich wieder auf und ein Jahr nach Veröffentlichung dieses Stückes holt ihn diese Phase mehr denn je ein und nimmt einen großartigen, zutiefst nachdenklichen, zynischen Künstler und einen geliebten Menschen. Ein erinnungswürdiger Moment für Band und Besucher gleichermaßen. Ihr Set endet laut Volle Kanne nach 19 Songs und 75 Minuten, nachdem sie die Bühne verlassen, läuft noch NMZS' Representertrack "Egotrip", den ich inbrünstig mitrappe. "Düsseldorf ist die Stadt, Antilopen ist das Camp / Und aufgehört wird erst seid ihr alle meine Fans" Ein sehr schöner Abschluss für einen außergewöhnlichen Auftritt und das Highlight des gesamten Festivals.

[Außerdem auf Schallhafen: So war's bei der Antilopen Gang in Köln]

Langsam wird es Zeit, die Carhartt WIP Stage unter die Lupe zu nehmen, die in dieser Ausgabe erstmals stilsicher von Künstler Tim Berresheim gestaltet wurde und die Heimat für die elektronischen Künstler darstellt. Wir schauen uns Mount Kimbie an, die chillige Electroklänge spielen, aber nicht unbedingt Tanzatmosphäre, sondern eher Fußwipper-Charme versprühen und die perfekte Untermalung für eine Lounge-Bar liefern würden. Die Leute vor der Bühne fallen hier weniger durch Vilefalt auf als es bei der Mainstage der Fall war. Das typische, betont hippe Klientel, checkt hier mit coolem Blick das Umfeld, nickt sanft mit dem Kopf und bestätigt meinen Eindruck vom letzten Jahr, dass man sich schlagartig nach Berlin-Mitte verfrachtet fühlt. In Düsseldorf jedoch tanzen sie an Wochenenden im Salon des Amateurs, wo ein Tag zuvor passenderweise die Preshow-Party lief.


Trentemøller in der Nacht, Foto: Marisa Bommes

Als der Hunger mit einer Mini-Pizza gestillt ist und die Helligkeit der Dunkelheit gewichen ist, tritt zum krönenden Abschluss der dänische Electronica-Produzent Trentemøller auf den Plan, der mitsamt Liveband und eindrucksvoller Lichtshow für den mystischen Part des Festivals sorgt. Intensiv, drumlastig, verhallter, sparsam eingesetzter Gesang und laute, bollernde Elemente werden zu einem experimentellen Klangteppich verwoben, der vielleicht keine offesichtlichen Hit-Melodien ausbreitet, aber zwischen den Zeilen eine Menge zu bieten hat und sich damit pefekt für Live-Auftritte wie diesen unter dem Düsseldorfer Sternenhimmel eignet.

Und so geht eine weitere, wundervolle Ausgabe des Festivals mit der ganz eigensinnigen, mutigen Rezeptur zu Ende, die es nicht auf Wachstum abgesehen hat, sondern auf Besucher, die zu Stammgästen werden. Mit dem aufgestellten Besucherrekord kann sich Philipp Maiburg, der grundsympathische künstlerische Leiter des Open Source, absolut bestätigt fühlen in dem Kurs, den er trotz schwierigen Jahren mit viel Arbeit und Leidenschaft etabliert hat.

(Marc Oliver Braun)

Links:
www.open-source-festival.de
www.facebook.de/opensourcefestival

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