Punk-Passion aus Philly: So war's bei The Menzingers und The Flatliners am 26.04.2017 im Underground Köln

Geschrieben von: Marc Oliver Braun am .


Wir schreiben den letzten Mittwoch im April und begeben uns nach dem Tagewerk im heimischen Düsseldorf auf die Autobahn. Schließlich haben wir vom Regionalverkehr-Fiasko einen Monat zuvor bei der Antilopen Gang in Köln gelernt. Wir haben sogar Glück, denn heute stürmt kein Starkwind umher und auch der Regen lässt sich nicht blicken. Stattdessen zeigen sich erste, zarte Sonnenstrahlen, aber ne' dünne Übergangsjacke wäre trotzdem noch zu gewagt. Lustig, dass ich einen Monat später mit Schweißperlen zu Hause am Laptop sitze und diese Zeilen schreibe, weil es so schnell unerträglich warm wurde. Nun ja, genug vom Weather-Talk (wie bereits die norddeutsche Punkband No Weather Talks wusste) und zurück nach Köln. Genauer gesagt Ehrenfeld, denn heute steigt das Punkrock-Fest im genau richtig großen Underground.

Bei der mitgebrachten doppelten Todsünde namens „Altbier aus Plastikflaschen“ streifen wir noch ein wenig durch den Stadtteil, den man sonst eigentlich vor allem nachts und bereits benebelt kennt. Bei Tageslicht kann man jedoch die Clubs und die schmucken, urbanen und zeitgenössischen Spraygemälde sowie die variantenreichen Laternentapezierungen bestaunen. Als das Bier zu warm und die Straßen zu kalt werden, gehen wir dann zur Location, vor dessen Toren schon eine handvoll Punkfans herumlungern. Im Biergarten des Underground begrüßen uns zwei Menschen, deren Band der Schreiber dieser Zeilen zu seinen Lieblingen zählt: Denn Idle Class Sänger Tobi und Drummer Stefan schauen sich das Spektakel heute mal in der Rolle des Zuschauers an, standen sie doch schon selber mit den Flatliners auf diversen Bühnen.

Im größeren der beiden Bühnensäle erblicken wir erst einmal einen reichhaltig gedeckten Merch-Tisch und stellen überrascht fest, dass wohl noch eine Band dabei ist. Denn The Dirty Nil wurden im Vorfeld zumindest auf der Homepage des Underground gar nicht angekündigt. Da der Laden heute ausverkauft ist, quetschen wir uns durch das recht heterogene Publikum auf der Suche nach einem Plätzchen, von dem wir gute Sicht und guten Sound haben. Gefunden ist der ziemlich genau vor dem Mischpult, da dort eine kleine Stufe den entscheidenden Höhenvorteil für meine weibliche Begleitung bringt. Los geh'ts mit The Dirty Nil, die eine wildes Gebräu aus Hardcore-Elementen, Powerpop und Punk bieten, das gut ins Tanzbein gehen kann, was es auch beim energisch umher schwingenden Sänger tut, aber wie üblich tut sich das Publikum noch etwas schwer, um richtig aufzutauen. Eine gute Show, doch so ganz packt mich die Band nicht, was vielleicht daran liegen mag, dass die Kollegen von VISIONS ihr Album HIGHER POWER letztes Jahr so gehyped hatten und die Erwartungshaltung infolgedessen zu hoch und daher kaum erreichbar war.

Die fantastischen Flatties, Pressefoto: Scotte Woods

Nach einer fixen Umbaupause treten die meinerseits sehr geliebten Flatliners aus dem kanadischen Toronto auf den Plan, die ich mit ihrem Album DEAD LANGUAGE ins Herz geschlossen habe. Als ersten Song im längst ausverkauften Underground wählen sie den Opener des neuen Albums INVITING LIGHT namens „Mammals“ das erst langsam und schwer antäuscht, aber schließlich doch noch in einen guten alten Midtempo-Punksong mündet. Guter Einstieg für die Band, die sich den Drogeszenebegriff für 4-Methylthioamphetamin, einer psychoaktiven Substanz, als Namen entliehen hat. Es folgt die erste Gänsehaut mit „Resuscitation Of The Year“, dass mir wie auch „Drown In Blood“ und „Birds Of England“ inzwischen seit fünf Jahren so oft beigestanden hat, dass ich natürlich nicht anders kann, als aus voller Seele und mit gereckter Faust mitzubrüllen. Und zwar nicht gegen irgendwelche nebulösen, karikierten Arschlöcher , sondern gegen das Unterkriegenlassen im Alltag, das Aufgeben, das Aufhören. Dinge eben, die das Leben dir in den Weg stellen will. Die Musik des charismatischen Quartetts ist einfach der perfekte Soundtrack zum Weitermachen. Und dafür danke ich den Jungs wirklich innig.

Die raue, markante Stimme von Chris Cresswell tänzelt derweil über eine äußerst potente Setlist, die einem langjährigen Fan ein Lächeln nach dem anderen abverlangt. Egal ob Klassiker wie „Carry The Banner“, „Monumental“ oder „Count Your Bruises“: Man spürt, dass die Band sich seit ihrer Gründung im Jahre 2002 einen harten, treuen Kern an Fans erspielt haben, die sich auch heute hier tummeln. Denn nicht nur textsicher gibt sich Köln, auch pogotechnisch beweist das Publikum, dass die Band diesen Laden nicht umsonst als einen ihrer Lieblings-Venues bezeichnet. Der Auftritt strotzt auf Bühnen- und Zuschauerseite nur so vor Energie, erlaubt sich keine unnötigen Längen und es macht einfach unglaublich viel Spaß zu sehen, mit welcher Leidenschaft Sänger Chris, Gitarrist Scott Birgham, Bassist Jon Darbey und Drummer Paul Ramirez nach fünfzehn (!) Jahren Bandgeschichte immer noch dabei sind. Zumal sie sich so ziemlich den Arsch abtouren und sich zu Hause mit den typischen Typ-in-einer-Band-Jobs wie Kellnern herumschlagen müssen. Ich ziehe meine Snapback vor der Entscheidung, sein Leben nach so vielen Jahren trotz Ausbleiben eines größeren Durchbruchs voll und ganz der Passion, der Musik zu widmen und eben etwas zu schaffen, dass einigen Menschen rund um den Globus so ziemlich viel bedeutet. Von mir ein großes Herz nach Kanada!

Als Hauptspeise stehen heute keine Benzos, sondern die Menzos, wie ihre Fans sie zuweilen liebevoll nennen, auf der Karte. Gemeint sind natürlich die Menzingers aus dem amerikanischen Philadelphia. Die spielen keinen knüpplenden Melodic-Punk, wie es ihre Kollegen aus Kanada tun, sondern ich würde sie eher im Indiepunk-Genre verorten, wenn wir diese Schubladen schon öffnen. Wie sich das zeigt? Nicht ganz so aggressive Gitarrenlinien, cleaner Gesang, aufgeräumtere Instrumentalparts. Auf den Sound der Band kann sich das bunt gemischten Publikum von Heartcore-Fan über Musiknerd bis hin zu Vollzeitpunk aber vollends einigen. Jetzt fällt auch erst die Fallhöhe zu den Flatties auf, die zwar schon sehr gut waren, aber die Menzingers veranstalten gerade einen Abriss allererster Güte, wie man ihr nur selten sieht. Der abwechselnde Gesang von Tom May und Greg Barnett trifft auf viele Mitsingende und so wird das Konzert zum großen Singalong-Contest mit zahlreichen Crowdsurfer-Einstreuern. Schwierig ist es indes herauszufinden, welcher Song die feiernde Menge am besten durchwühlt: Ist es nun „I Don't Wanna Be An Asshole Anymore“, „Burn After Writing“ oder „Midwestern States“? Sehr erfreulich finde ich, dass auch die neuen Songs vom recht frischen AFTER THE PARTY bereits mit derart offenen Armen empfangen werden, als wären sie bereits seit Jahren fester Bestandteil der Shows. So auch den stimmungsvollen und mitreißenden Titelsong.

Der Vierer, dessen Mitglieder mittlerweile alle in ihren 30-ern sind versteht es nahezu perfekt, Refrains zu schreiben, die man laut und grinsend mitsingen will. Hashtag Hitfabrik. Wer ganz hart drauf ist und auf Challenges steht, kann sich ja mal auf ein Konzert der Jungs begeben und einfach nur versuchen, still und ruhig dazustehen. Ich prophezeihe: Das wird grandios scheitern. Dass das Konzert nur ein Vorgeschmack auf das am Wochenende anstehende Groezrock-Festival in Belgien oder das Uncle M Fest in Münster sein könnte, bewahrheitet sich jedoch überhaupt nicht, weil die Band bereits in Köln zur Mitte der Woche das Stimmungs-Barometer sprengt. Das zieht sich durch den gesamten Auftritt, der natürlich ein paar ruhigere Stücke als Kontrastprogramm zulässt. Als Bassist Eric Keen seinen Blick während eines Songs durch das Underground schweifen lässt, fängt er an dankbar zu lächeln - jeder Anwesende bekommt hier gerade einen heißen Anwärter für das Konzert des Jahres und das spürt auch die Band. Nachdem er und der Rest obligatorisch von der Bühne tritt, nassgeschwitzt und glücklich, spielen sie im Zugabeblock das unfassbar zuckrige, aktuelle Stück „Lookers“, dass wenig überraschend als Live-Liebling herhält und „Casey“, das sebstverständlich auch eine sichere Bank ist. Die beiden Sänger geben nochmal alles und beweisen, dass sie live mindestens genauso gut wie auf Platte klingen. Ist ja auch nicht der Normalfall.

Jetzt ist aber wirklich Schluss mit dem recht langen Konzertabend und die Menge zieht es an den eingangs erwähnten Merch-Tisch, an dem jetzt fleißig und zahlreich textile Erinnerungsstücke oder Platten mitgenommen werden. Auch ich kann mich dem Sog nicht enziehen und kaufe mir zwei stilsicher designte Shirts der beiden Bands in Form eines tattoomotivtauglichen Leuchtturms (Seefahrer-Romantik,fuckyeah) und des stilisierten AFTER THE PARTY Covers. Und so kehre ich mit einem zutiefst glücklichen Lächeln und meinem Plastikflaschen-Altbier zurück nach Düsseldorf, für die es sich immer lohnt, sich mal aus dem Heimathafen spülen zu lassen.

(Marc Oliver Braun)

Links:
www.facebook.com/themenzingers
www.facebook.com/theflatliners
www.facebook.com/thedirtynil

Hier noch die wahrscheinlich lückenhaften Setlists, die ich mir beim Konzert notiert hab.

Flatliners Setlist:
Mammals
Resuscitation Of The Year
Monumental
Sew My Mouth Shut
Count Your Bruises
Birds Of England
Hang My Head
Carry The Banner

Setlist Menzingers
Tellin' Lies
I Don't Wanna Be An Asshole Anymore
Nice Things
After The Party
Mexican Guitars
House On Fire
Good Things
Burn After Writing
Midwestern States
Rodent
The Obituaries
Your Wild Years 
Bad Catholics
Zugabeblock:
Lookers
Casey
In Remission

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