So richtig im Modus: Fatoni und Juse Ju am 20.04.2017 im Hotel Shanghai

Geschrieben von: Marc Braun am .


Fatoni, Pressefoto: Conny Mirbach

Wir machen uns auf in das Herz des Ruhrgebiets, Essen. Der Grund ist ahnbar: Fatoni und sein Homie Juse Ju kündigen sich an. Zum zweiten Mal bereits. Aber diesmal wirklich! Musste Fatoni nämlich die zweite Rutsche zur "Yo, Fatoni"-Tour im Herbst letzten Jahres (inklusive herrlich bescheuerter Tour-Reklame) wegen Krankheit gleich komplett absagen, holt er das heute nach. Und war zwischendurch sogar noch in Japan, um den Landsleuten Dopeness aus Deutschland näher zu bringen. Glück im Unglück: Mittlerweile ist sein brandneues Mixtape IM MODUS erschienen. Seit dem 10.03. kann ich das 15 Song starke Stück also schon aufdrehen, um die Lines dann heute laut und schief zum Besten zu geben. Aber kein Problem, hört ja keiner, da mich der Sound im Hotel Shanghai zur Freude der Nachbarn im Publikum gnadenlos übertönt.

Als wir ausnahmsweise mal gut durch den Ruhrpottverkehr kommen und noch vor Beginn von Vorbandslot-König Juse Ju vor die heiligen Hallen treten, erblicken wir erstmal eine lange Schlange von Rapfans. Beim Eintreten kommt mir beiläufig ein 1,80 Meter großer Mann mit ikonischem Hut und Jeansjacke entgegen, der später für viele glückliche Gesichter sorgen wird: Anton Schneider, wie Fatoni bei Theaterbesuchern aus München und Klagenfurt bekannt sein dürfte. Vor nicht allzu langer Zeit hat er dort noch als Schauspieler einen Großteil seiner Semmeln verdient. Nach dem Debütalbum mit Produzent Dexter jedoch lief es für den gebürtigen Münchener. Und zwar so gut, dass er seine Rollen an den Nagel gehängt hat. Schließlich will niemand, dass er am Ende noch seine Rolle übertreibt. Dennoch alles andere als eine Zeit, die es zu bereuen gilt. Über die Wechselwirkung zwischen Schauspielerei und Rap sagte uns der MC Natra 2015 im Interview: "Ohne Rap wäre ich kein Schauspieler geworden, ohne Schauspiel wäre ich ein langweiligerer Rapper." Wie sehr er der Implikation, vielleicht irgendwie ein semi-langweiliger Rapper zu sein, widerspricht, wird er uns im noch im Verlauf des Abends eindrucksvoll zeigen.

Doch erst einmal mimt Juse Ju den Anheizer. Startschwierigkeiten sind dem in Berlin lebenden ohne Heimat scheinbar gänzlich fremd und so legt der akrobatisch begabte Künstler direkt so los, als wäre das bereits der Zugabeblock. Hier zeigt sich ein ähnliches Bild wie bei seinem Auftritt bei der Antilopen Gang in Köln: Das Publikum traut sich noch nicht so ganz und ist recht verhalten, was die wenigen Hardcore-Fans, zu denen ich mich eindeutig zähle, nicht davon abhält, engagiert mitzuperformen. Und wieder einmal beweist der hauptberufliche Radiomoderator, dass er zwischen den Songs nicht nur unterhaltsam Sinnieren kann, sondern auch sein Kernelement absolut on fleek ist: Das Werk von Juse strotzt nur so von beißendem Zynismus, Wut, cleverem Wortwitz und einer gehörigen Portion Message. Das klingt erstmal, als hätten wir es mit absolutem Misonthropen-Rap zu tun. Okay, haben wir sogar. Aber: Das kommt aber alles mit einer Überdosis Humor und Selbstironie daher, die aus dem Pessimismus zumindest einen mit ugenzwinkern macht. Juse Ju ist quasi der Jan Böhmermann des deutschen Raps...Sorry Juse, aber ich mein' das echt als Kompliment! Oder ist Jan Böhmermann der Jan Böhmermann des deutschen Raps? Immerhin wagt der ja seinerseits immer wieder Ausflüge ins Genre. Egal. In "German Angst", in dessen Refrain er das Publikum einbindet, geht es um Rassismus, der sich als Angst der ach so besorgten Bürger tarnt. Hauptsache, man sichert sich die Riester-Rente. Auf seinem aktuellen Album ANGST & AMOR (das ihr euch übrigens hier kostenlos runterladen solltet) liegt der Fokus seines Auftritts: So spielt jünger wirkende 1982er- Jahrgang das cloudige "YouTube PinUp", das entspannte "Highscore", das melodieverliebte "Rebound Boy" oder "Akte X", ganz zu meiner Freude. Ich sollte nochmal explizit erwähnen, was für ein großes Album das eigentlich ist, dass Juse da abgeliefert hat und dennoch nur unter dem Radar lief. So gut wie jeder Song hätte seine Berechtigung in der Setlist. Wer im Publikum bislang dachte, dass Juse Ju 'nur' dieser eine Sidekick von Fatoni ist, hat gerade den Grund bekommen, warum er diese Meinung nochmal überdenken sollte.

In der Pause lasse ich den Blick durch die Menge schweifen. Das Publikum zeigt sich recht bunt: Da haben wir den klassischen Rapfan, den Traplord, den Langzeit-Studenten oder den Indiepunk, wenn man denn von eindeutigen Kategorien sprechen möchte. Auffällig ist, dass heute vornehmlich Riesen in der Menge stehen und das stilsicher gestaltete Hotel Shanghai gut gefüllt ist. Negativ ausgedrückt: Stehst du hinten, siehst du selbst mit knapp 1,90 Metern Körpergröße kaum was vom Treiben auf der Bühne. Gut, dass wir die Sitzmöglichkeiten zweckentfremden, um nochmal an Höhe zu gewinnen. Oder aber man geht gleich auf den oberen Rang, damit man einen Blick erhaschen kann. Und das sollte man schnell, denn gerade pumpen die ikonischen Intro-Beats von "Benjamin Button" und künden vom Beginn des Main-Acts. Fatoni macht's ganz wie Denyo: Er kommt rein. Und rappt versiert über den gleichnamigen Effekt, mit dem Altern langsam perfekt zu werden. Genau in diesem Modus soll sich das Schauspiel (...get it?) auch fortsetzen. Für die nicht ganz so neuen Fans hat er eine handvoll Songs vom NOCEBO Kollaboalbum mit Edgar Wasser parat. Da steigt natürlich die Spannung, ob Herr H2O denn gleich selber auf die Bühne springt. Vollmundig kündigt der ehemalige Battlerapper, damals noch mit alter Schreibweise Fat Tony, an: "Jetzt kommt Edgar Wasser!" Die Menge quittiert die Ankündigung mit tosendem Applaus und "Whohoo"-Rufen. Die Antwort von Toni: "Edgar Wasser ist heute leider nicht da." Langgezogene "Ohhhh"s hallen durch die schlauchartige Location. Mit Erwartungen spielen: Kanner. Das hält den Rapper aber trotzdem nicht davon ab, Teile von "Check uns aus", "Deutscher Rap" und "An der Uhr" zu rappen, immer kompetent supportet vom besten Backup-Rapper der Welt: Dem Publikum. Das Spiel mit dem Ankündigen zieht der Ex-Staatsschauspieler dann auch folgerichtig durch, um immer wieder Freude und sogleich Enttäuschung zu ernten. Ein wahrer Schelm, dieser Herr Schneider.

Sein Hitalbum YO PICASSO, das "beste deutschsprachige Rapalbum des Jahres" laut PULS/BR, Testspiel.de und unserem Schallhafen, wie die Presseinfo ihn zitiert, findet logischerweise ebenfalls ausreichend Platz, um live performt zu werden. Als besonders gute Live-Kracher erweisen sich "32 Grad", "Kann nicht reden ich esse", "Ein schlechter Mensch" oder "ADHS", die das Publikum energisch bouncend abzufeiern weiß. An der Stelle sei explizit auf die versierte Arbeit des Haus-DJ V.Raeter hingewiesen, der passende Scratches und die Fatoni-typische Kommentatorin einbaut. Während des Auftritts findet man Forever-Voract Juse Ju am Merchstand, um die Shirts zu hüten und dabei gleichzeitig gut auszusehen. Der Merchguy filmt das Spektakel derweil nämlich, wahrscheinlich für den hauseigenen Tourblog. Ich nutze die Gelegenheit, um einen kleinen Plausch über die Tour und seinen Auftritt mit den Antilopen in der Live Music Hall in Köln zu halten. Doch der muss alsbald seine Stimme schonen, da es nicht unbedingt die beste Idee ist, gegen Konzertlautstärke anzubrüllen und vor allem, weil er gleich nochmal mit Fatoni zusammen performen wird. Kein Wunder, schließlich mögen sich die beiden nicht nur privat, sondern kommen auch musikalische auf einen Nenner, was in einigen gemeinsamen Songs mündete.


Juse Ju, Pressefoto: Martin Pohle

Und so kommt es dann auch: Das vertonte Shirt-Motiv "Übertreib nicht deine Rolle" sowie "Vorurteile" kann man getrost als Klassiker bezeichnen. Das zeigt sich allein schon daran, dass die Menge bebt und sogar die paar überraschend jungen Fans die Tracks abfeiern, angesteckt von der ausgelassenen Stimmung, die hier durch die Papierschwäne des Clubs jagt. Nicht schlecht für die Mitte der Woche. Das brandneue "DA.YO.NE ~" muss zwar ebenso mal ohne Originalvertonung von Edgar Wasser auskommen, aber als Entschädigung trägt Juse dafür ja ein paar Zeilen auf japanisch vor, die er noch draufhat, weil er in Yokohama bei Tokio augewachsen ist und es ihn auch nochmal als Erwachsener nach Japan verschlagen hat. Fatoni rappt im Lied darüber, dass er EU-Kommissar wird, wenns mit dem Tatort nicht klappen sollte, die nehmen da ja jeden. Hashtag #mussmanwissen. Privat hört der Gute "Singer Songwriter Mädchenmusik" und das beweist er heute ein weiteres Mal, als er die Akustikklampfe auspackt, um Freestyle auf die Riffs zu rappen. Wohlwissend, wie das manche Hio Hop Heads finden könnten, aber er nimmt ihnen einfach die Kritik vorweg und somit die Grundlage vom Teller. Ha! Als Höhepunkt dieses Exkurses schrammelt er die Gitarre noch in Grund und Boden, als würde er gerade in einer Metalband das Solo seines Lebens abgniedeln. Immer diese Künstler. Für den Zugabeblock kündigt der 32-Jährige an, dass wir jetzt mal mitspielen sollen. Und das geht wie folgt: Er geht von der Bühne, wir rufen nach mehr, er gibt uns mehr. Daily Tour-Business eben. Artig, wie Essen City ist, tanzt niemand aus der Reihe, um die beiden zurückzubitten und zum Abschluss einen Turnup allererster Güte zu performen.

Die absoluten Tour-Banger "Gravitationswellen" und das von mir hart abgekultete "Modus" beweisen zum Schluss nochmal, wie Trap in gut auszusehen hat: Ein Beat wie ein Brett, ein zünftiges Autotune-Massaker, Wortspiel- und Flachwitzverliebtheit in Reinform und Til Schweiger-Referenzen. Die Stimmung befindet sich auf dem Siedepunkt, die Menge springt herum und Gymanstiklehrer Toni bringt das Publikum wortwörtlich zum Niederknien und teilt es wie einst Moses das rote Meer. Auf Kommando springen alle in die Luft und pogen wie bei einem Punkkonzert. Das kennt man vom Punk ja, dennoch passt das auch hier beim Rap wie die Faust aufs Auge. Fatoni kommentiert das Ganze aus der Sicht eines Fans: "Diese Konzertspielchen hätte ich aber von denen nicht erwartet. Von denen nicht!" Juse nutzt indes die Gelegenheit und nimmt ein ausgiebiges Bad in der Menge, während er quasi nebenbei seinen Part ins mitwandernde Mikro prügelt. Damit wir Fans nicht mit diesem Endorphinüberschuss Richtung Heimat zappeln müssen, hat der Studentenrapper, der nie in einer Vorlesung war, noch genau den passenden Downer: "Schlafentzug". Auf einen gechillten Beat legt er nachdenkliche Zeilen, während das Hotel Shanghai ein Meer aus Feuerzeugflammen und Handylichtern ausbreitet. Erstklassiger Rap mit Anspruch und Message's not dead. Is echt so.

(Marc Braun)

Links:
www.fatoni.de
www.facebook.com/Fatonimusik
www.juseju.de
www.facebook.com/Juseju

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