Husum bei Düsseldorf: So war Turbostaat am 22.04.2017 im Zakk Düsseldorf

Geschrieben von: Micha Schmidt am .


Turbostaat & das Meer, Pressefoto: Andreas Hornoff

Kurz vor dem Konzert stehe ich mit zwei Freunden draußen. Wir alle sind ungefähr gleich alt und haben Turbostaat seit der „Das Island-Manöver“-Platte nicht mehr live gesehen, ohne dafür einen besseren Grund als allgemeinen Terminmangel anbieten zu können. Dass man heute hier ist, „verdankt“ sich auch nur der Tatsache, dass der Auftritt vom letzten Jahr aus gesundheitlichen Gründen nachgeholt werden musste. Die Erwartung ist daher hoch, als wir die vertrauten Hallen des Zakk betreten. Turbostaat, dass ist mittlerweile auch ein Ausflug in die eigene Jugend und ein Moment, in dem man unwillkürlich ein Resümee zieht.

Die Band der Jungs aus Flensburg wird dieses Jahr 18 und ein Blick ins Publikum verrät, dass einige Zuschauer bei der Gründung der Band noch nicht das Licht der Welt erblickten, während andere in diesem Jahr statt einer Band ein Kind in die Welt setzten. Turbostaat verfügen über eine Spannbreite an Songs, Ideen und Fans, die nur wachsen kann und die sie als Frucht der Jahre geerntet haben. Vieles erscheint auf wunderbare Weise zeitlos. Spätestens wenn man am Merchstand neben Friese steht, möchte man seinen Kalender rausholen um sicher zu sein, wirklich 2017 zu haben.

Turbostaat haben sich mit diesem Auftritt ein Heimspiel in einer fremden Stadt gebaut, selbst die Vorband hat auf ihren Wunsch hin eine Auszeit von der Auszeit genommen. Ab dem ersten Akkord haben sie das Publikum für sich und lassen die letzten Jahre zusammenschmelzen. Der Gesang von Jan ist klar und schneidet wie ein Skalpell durch die bald schon dumpfe Luft, die Musik laut und drängend, ohne sich in Lärm aufzulösen. Turbostaat beherrschen die Klaviatur des Live-Auftrittes, das Zakk ist eine wunderbare Bühne für ihre Fähigkeiten. Wenn Turbostaat bei „Wolter“ das Publikum zum Chor werden lassen, nachdem sie es über die weite Strecke des Liedes die Einsamkeit eines Vogelschutzgebietes nach Düsseldorf holten, dann gelingt ihnen dies ebenso gut, als wenn sie mit „Kussmaul“ die Leute aneinander springen lassen, ohne billig zum Pogo aufzurufen. Das Publikum und die Band haben gleichermaßen Bock und so verläuft das Konzert fast organisch.

Dennoch ist der Abend weit mehr als eine Gruppe von Männern, die sich nochmal wie Zwanzig fühlen wollen. Der Abend steht nicht im Zeichen des Eskapismus, sondern erinnert mit jeder Minute daran, warum man Turbostaat selbst in den konzertlosen Jahren immer wieder verteidigt hat. Es mag sicherlich zum Geheimnis ihres Erfolges gehören, dass sie in den Jahren nie ihren moralischen und ästhetischen Kompass verloren haben, aber auch wissen, dass die Welt um sie herum immer komplizierter wurde. Turbostaat haben im Umfeld des Punk/Angry Pop begonnen und haben mittlerweile keine Band mehr, die in diesem Feld an sie herankommt. Längst wachsen sie über das angestammte hinaus, und der Blick ins Publikum verrät, dass die Szene von ihnen längst gesprengt wurde. Sie entwickeln sich innerhalb der deutschen Musik zu dem, was sie für ihre Fans schon lange sind, einer Institution.

Als vor der zweiten Zugabe der Bass ins Publikum geworfen wird, kommt es zu dem in meinen Augen ikonischsten Moment des Abends. Ich bin mir sicher, bei jedem anderen Konzert wäre der Fänger einfach abgehauen. Fan hin oder her, ein gefangener Bass ist ein gefangener Bass. Stattdessen wird er nach vorne gereicht und zwar so vorsichtig, dass selbst das Kabel stecken bleibt.

Nach der ersten Zugabe kratzt meine Stimme und ich habe von „Fraukes Ende“ Tränen in den Augen. Während die Jungs von der Bühne gehen, drehe ich mich um und sage zu meinem Nebenmann: „Verdammt gutes Konzert, Aber „Drei Ecken – Ein Elvers“ hat gefehlt.“ Dann kommen Turbostaat wieder raus und spielen just diesen Song...Draußen vor der Tür leert sich dann das eine oder andere Bierchen und man verquatscht sich noch lange und es dämmert einem, wäre alles so gealtert wie Turbostaat, die Welt wäre ein viel netterer Ort.

(Micha Schmidt) 

Links:
www.turbostaat.de
www.facebook.com/turbostaat

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. To find out more about the cookies we use and how to delete them, see our privacy policy.

I accept cookies from this site.

EU Cookie Directive Module Information