Zwischen Message, Klamauk und Psychogramm: Die Antilopen Gang in der Live Music Hall Köln am 08.03.2017

Geschrieben von: Marc Braun am .


Drei Paarzeher sollt ihr sein: Antilopen Gang, Pressefoto: Robert Eikelpoth

Was für ein Fiasko! Was für ein Flop! Nein, nicht etwa das Konzert der Antilopen Gang, die es mittlerweile von den Jugendzentren des Landes bis zu einer fast komplett ausverkauften Hallentour gebracht haben. Es geht um die maßlos überteuerte Bahnverbindung Düsseldorf-Köln (jeweils 11,40€ für eine 38-minütige Fahrt) und passend dazu die Leiden ihrer Kunden, genauer: Mir und meiner Begleitung. Denn als wir uns rechtzeitig auf den Weg von der Landeshauptstadt und Heimat Koljahs, Düsseldorf, nach Köln machen, macht uns die selten geschätzte Bahn natürlich einen gehörigen Strich durch die Rechnung, deren Regionalzüge mal wieder Verspätungshighscores jagen und aus allen Nähten platzen. Immerhin ist ja gerade Dauerregen angesagt, das bringt so einen Schienenkoloss eben völlig aus dem Konzept. Also den nächsten Zug genommen, von der Ehrenfelder Bahnstation und den Anfang verpassend vor die Live Music Hall gehetzt, deren nächtlich nasse, mit Bierflaschensplittern gepflasterte Straße immer noch von einer laaaaangen Warteschlange gesäumt wird. Das Warten dauert zu meiner Überraschung dann doch nicht allzu lang, sodass wir unter 20 Minuten den Presseschalter erreichen, wo wir eine Spende dalassen sollen. An sich eine tolle Sache, wie man es auch von anderen Konzerten wie beispielsweise Egotronic kennt, jedoch an dieser Stelle ein kleiner organisatorischer Kritikpunkt: Da dies im Vorfeld nicht bis zu mir drang, kratze ich relativ hilflos mein letztes Bargeld zusammen, weil die Bankschaltersuche dank Verspätung keine Option mehr war.

Sei's drum, jetzt geht’s um Konzert: Der von mir sehr hochgehandelte Sprechsänger Juse Ju ist bereits mitten in seiner Show, als ich die Halle betrete. Und dreht auf, wie man es von dem berufsbedingten Wahlberliner gewohnt ist. Seine Boom Bap Beats pumpen durch den Raum, während er seine cleveren, sarkastischen und oftmals politischen Lyrics vom Stapel lässt. Und wie es bei einem Voract bei dieser Locationgröße immer ist, unterhalten sich die meisten noch bei einem frisch gezapften Bier oder der ein oder anderen Jolle. Schade, denn obwohl sie direkt vor dem Journalisten und Radio Fritz-Moderator stehen, kriegen sie kaum mit, dass sie sich hier einen der besten Underground Rapper Deutschlands entgehen lassen. Mich stört das verhaltene Rumstehen der anderen Antilopen Fans recht wenig und ich zappel zu lyrischen Meisterwerken wie „Lalala“, „Akte X“ und „Gravitationswellen“ rum, rappe mit und habe die best time of the month. Leider gefällt der Fjällräven-Rucksack-Fraktion (beachte: nur das Modell Kånken!) meine „Performance“ nicht so wirklich, weswegen ich wenig subtile Todesblicke ernte. Spaß beim Anfangsact? Frechheit! Ich freue mich derweil umso mehr, dass der sehr flye Ex-Collegeboy Juse Ju seinen und Fatonis neuen Tourhit „Modus“ zum besten gibt. Beste Line des Songs: „Til Schweiger sag ihn', was du von ihn' hältst: 'Sie gehen mir auf den Sack!'“. Was haben die beiden nur immer mit Til Schweiger und seinen TV-Eskapaden? Werde ich wohl mal im April beim gemeinsamen Essen-Konzert in Erfahrung bringen. Das dazugehörige Mixtape „Im Modus“ von Fatoni erscheint zufälligerweise auch nur zwei Tage nach dem Gig, was die Erwartung an selbiges nochmal in die Höhe schraubt, allein schon weil Juse auf drei Tracks dabei ist. Außerdem gibt es noch seine Hits „Übertreib nicht deine Rolle“, „Vorurteile“ und scheinbar sogar einen neuen Song. Zwischen den Stücken beweist Juse mit seinen witzigen Ansagen, dass er das Zeug zum Latenight-Entertainer hat. Um das etwas zähe Publikum gegen Ende seines Gigs nochmal zu mobilisieren, lässt er es bei „German Angst“ den Refrain mitsingen. Dem Charme des Thirtysomethings können die Leute letzten Endes doch nicht wiederstehen und bringen den Rapper so mit einem Lächeln von der Bühne.

Umbaupause: Zeit durch den schon schlammigen Boden zu waten, der so früh im Jahr Festivalfeeling aufkommen lässt. Ein Besuch an der Bar und der Kloschlange später erkenne ich bereits die ersten Klänge von „Das Trojanische Pferd“, in dem die drei Antilopen gleich mal ihren bislang streng geheimen Plan offenbaren: Die Schweinewelt von innen zerstören. Wie sich schon im Vorfeld ahand des zahlreich getragenen Antilopen Merchs in Form von Caps und Shirts zu erahnen ließ, ist das für die Fans jetzt der offizielle Moment™, in die ersten Reihen zu strömen, lautstark mitzurappen und genretypisch mit den Händen im Takt zu bouncen. Außerdem wird von Anfang an klargestellt: „DIE KYNGZ SIND BACK!!!1“. Geiler, zweiter Einstiegstrack, richtig guter Upturn, selbst wenn die Songs schneller als auf Platte und für meinen Geschmack damit zu schnell gespielt werden. Gruppentherapie gegen oder wahlweise für die kranke Welt bietet die Gang mit „Patientenkollektiv“, wo jeder der drei Rapper Einblick in seine psychischen Probleme gibt. Eine gute Basis, tiefer in die Welt des Antilopenlands zu dringen. Das Bühnenbild zieren übrigens zwei riesige „A“s, die für den aktuellen Albumtitel ANARCHIE UND ALLTAG stehen. Doch da kommen wir direkt auf das trojanische Pferd zurück. Denn nach ein paar Songs im Hip Hop Gewand, schallen verzerrte E-Gitarren und scheppernde Drums aus den großen Boxen der Live Music Hall. Was zu fragenden Blicken führt, enthüllt sich sobald: Die großen „A“-Kästen werden beiseite geschoben, hinter der sich eine energische Live-Band verbirgt, die die Song wie „Stück Dreck“ und „Abwasser“ in ein äußerst stilsicheres Punkrockgewand kleidet. Das gefällt dem Publikum, das mehr aus modernen Punks besteht denn aus Hip Hop Heads. Selbiges zeigt sich dann direkt folgerichtig in den ersten, enthemmten Pogokreisen. Hier fühlt man sich gar nicht mehr, als wäre man auf einem Rapkonzert, sodern auf einer riesigen Punkshow von alten Jugendhelden, wo man alle Kräfte ins Abfeiern der Band steckt. Die Euphorie über die Live-Wiederkehr der Gang trägt sich von der ersten bis in die letzte Reihe. Die physische Performance der drei Freunde unterstreicht diese Stimmung zusätzlich, da Danger Dan, Koljah und Panik Panzer scheinbar mehr Zeit in der Luft als auf dem Bühnenboden verbringen. Um die Bande an diesem Mittwochabend skilltechnisch einzuordnen, lassen sie sich wunderbar selbst zitieren: „Doch jeder, der behauptet Antilopen können nicht rappen, lehnt sich zu weit aus dem Fenster wie der Sohn von Eric Clapton.“ („Flop“) Hier sitzt nahezu jeder Part, jeder melodisch & im besten Sinne verdammt poppige Refrain und sogar der Autotune von Kyng Panik Panzer nimmt dem Effekt einfach mal im Handumdrehen den Fremdscham-Faktor und fügt sich stattdessen stilvoll ein.

Thematisch wandern die Hornträger zwischen ernster Message, Klamauk und Psychogramm. Während der wohl außerhalb des Fan-Kosmos bekannteste Track „Beate Zschäpe hört U2“ das Aufkeimen rechter Ideen und Gewalt in den Mittelpunkt rückt, gibt es ebenso Metaphern auf das eigene Leben wie „ALF“, offensichtliche autobiographische Stücke wie „Patientenkollektiv“ und zumindest vordergründig klaumaukige Songs wie, na klar, „Pizza“, „Baggersee“ oder „Liebe Grüße“, hinter denen aber auch immer ein doppelter Boden steckt. Wir erinnern uns einfach wieder an das Gestüt aus Troja. By the way: Juse Ju hat für die Tour einen eigenen Part bei „Liebe Grüße“, bei dem eigentlich Fatoni rappt. Nice. Bei der eng getakteten, sehr starken Setlist, gibt’s dennoch Momente und Elemente, die noch einen draufsetzen. So stattet Ingo von den Donots der Truppe einen Besuch für „Der goldene Presslufthammer“ oder gar Claus Lüer, Sänger der legendären 90er Punkband Knochenfabrik aus Köln-Porz ab. Der schreit aus tiefster Seele den Refrain von „Anti Alles Aktion“, wie sich die Crew mit weiteren Mitgliedern vor Gründung der Antilopen Gang nannte. Für die gesellschaftlichen Außenseiter, ob nun durch Verhalten, Ansichten, Anpassungsverweigerung oder Kleidungsstil, die sich hier zahlreich tummeln, haben die Drei selbstverständlich ebenso eine passende Hymne im Gepäck: Kein Wunder also, dass gerade „Outlaws“ leidenschaftlich mitgerappt wird. An der Armee der Kaputten und der Hässlichen scheint also wirklich was dran zu sein. Ein Hip Hop Konzert als Katharsis? Hätte man im Vorfeld nicht unbedingt nicht für möglich gehalten.

Doch die Gazellenbande schafft es eben Szenen zu vereinen in dem Gefühl, dem ganzen Wahnsinn namens Gesellsaftsnorm wenigstens für ein paar Stunden zu entrinnen. Die Brücke zwischen den Songs übernimmt heute Panik Pa...ähm ich meine, der DJ der Liebe, der gerne mal eine stereotypische Saskia grüßt und dann „My Heart Will Go On“ von Celine Dion spielt, das grölend und schmalzig mitgesungen wird. Dorfdisko-Feeling? Check. Aber halt ironisch. Hoffentlich. Koljah weist uns darüber hinaus irgendwann darauf hin, dass die „Nazis raus!“-Rufe hier ihren Sinn verfehlen, da ja hier hoffentlich niemand mit diesem fehlgeleitetem Gedankengut rumläuft. Word. Schön übrigens, dass die Eltern von Tobi (Panik) und Daniel (Danger) heute mal dabei sind (die beiden sind in Aachen aufgewachsen, Anmerkung des Autors), um aus erster Hand zu erleben, dass ihr Traum vom Musikmachen Dimensionen angenommen hat, die sie sebst wohl nie für möglich gehalten hätten. Schön außerdem, dass sich in der Menge Mitglieder von Punkbands wie Love A, Schreng Schreng & La La und Lygo tummeln und es sich einfach wie ein Szenetreff anfühlt, in dem man sich gleich wohlfühlt. Auf die Quotenrebellen kann sich wohl jeder irgendwie einigen. Funfact, dass einem erst bei einem Livekonzert auffällt: Der Nachname und das Buzzword schlechthin, Hitler, fällt in mehr Songs, als man zunächst annimmt.

Doch auch langjährige Fans, quasi die Lopi Lovers, hat die Gang natürlich nicht vergessen: So finden auch Tracks aus Kollabos einzelner Paarzeher ihren Weg in die Setlist wie zum Beispiel Dangers „Ölsardinenindustrie“, welches er alleine am Klavier performt und so einen schönen Ruhepol und Kontrast zum restlichen Programm schafft. Dem vierten Mitglied NMZS, der sich 2013 das Leben nahm, widmet die Gruppe erfreulich und erwartbar unplakativ den letzten Teil ihres Konzertes, in dem sie die von ihm stammende Songidee „Enkeltrick“ vorträgt und die jeweils eigenen Parts aus gemeinsamen Songs mit ihm spielen, ohne jedoch seine Parts selber zu berühren. So komme ich nach Jahren doch noch in den Genuss, „Motto Mobbing“ und „Kommentarfeld“ live zu sehen, was ich wirklich sehr zu schätzen weiß und mich rührt. Besonders bei den musikalisch wie lyrisch düsteren und äußerst zitierwürdigen Songs „Lebensmotto Tarnkappe“ und „So ungefähr“ vom legendären ASCHENBECHER-Album werde ich nachdenklich und finde auch in dieser Besprechung nicht die richtigen Worte, um zu beschreiben, wie traurig mich der Tod von NMZS stimmt, dessen Werk mir so bedeutsam ist. An Jakobs Tod gibt es auch nichts zu glorifizieren, wie Koljah einmal passenderweise in Richtung Fans scharf kritisierte. Doch zurück zum Konzertfinale: Für die Punks gibt’s am Ende die obligatorische Wall Of Death zum Hit „Fick die Uni“, wo man noch einmal die ganze Energie abruft, die einem der triste Alltag sonst raubt. Ein Konzert, bei dem ich kaum weiß, wie man das noch toppen soll, geht zu Ende und hinterlässt sicher nicht nur bei mir einen tiefen Eindruck. Chapeau, Antilopen Gang.

(Marc Braun)

Setlist (aus der Erinnerung und unchronologisch):

Juse Ju (nach meiner Ankunft)
Modus
Übertreib nicht deine Rolle
Akte X
Lalala
Gravitationswellen
German Angst
Vorurteile

Antilopen Gang

Das Trojanisches Pferd
Anti Alles Aktion mit Claus Lüer von Knochenfabrik
Goldener Presslufthammer mit Ingo von den Donots
Liebe Grüße mit Juse Ju
Ölsardinenindustrie von Danger Dan
Outlaws
Motto Mobbing von Koljah und NMZS
Lebensmotto Tarnkappe von NMZS und Danger Dan
So ungefähr von NMZS und Danger Dan
Fick die Uni
Verliebt
Beate Zschäpe hört U2
Pizza
Baggersee
Patientenkollektiv
ALF
Tindermatch
Fiasko
Flop
Lob der Lüge
Alkilopen
Abwasser
Wir sind es
Stück Dreck
DIE KYNGZ SIND BACK!!!1

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