„Alles auf links gekrempelt“: Von Brücken in der Kulturkirche Köln am 12.01.2017

Geschrieben von: Micha Schmidt am .


Von Brücken live in der Kulturkirche, Foto: Micha Schmidt

Wie lässt sich der Neujahresvorsatz, wieder öfter auf Konzerte zu gehen, schöner durchziehen als bei Von Brücken? Von einem Konzert zwischen Zukunftsängsten, Kirchenakustik und Ausblicken auf das neue Album lest ihr hier so einiges. Mit Rückenschmerzen (ich habe mir kurz vor dem Konzert noch einen Muskel gezerrt) und froh dem Regen entkommen zu sein, betrete ich die Kulturkirche in Köln-Nippes. Das Publikum ist älter, der Altersdurschnitt dürfte bei 40 liegen, heruntergezogen von kleinen Gruppen von Zwanzigjährigen, die sich auf ihren Smartphones Bilder zeigen oder überlegen, ob man noch ein Bier holen sollte, „bevor es losgeht.“ Wer aus einer Kleinstadt kommt, in der man zu Weihnachten Abos für's Kabarett verschenkt, hat eine ziemlich genaue Vorstellung vom Publikum. Nicht undankbar, aber auch eines, dass man sich erspielen muss.

Da die meisten Fans sich wohl Tickets für das Hauptkonzert organisiert haben (Donnerstag ist nur der Zusatz-Termin) ist es schon erstaunlich, wie voll die Kulturkirche ist. Die Kulturkirche selbst ist schon länger kein Geheimtipp mehr. Eine ausgesprochen schöne Location, ohne Bänke und Stühle bietet der Raum nicht nur eine Menge Platz, sondern neben dem passenden Hintergrund auch jene Kirchenakustik, die Töne weit trägt und verstärkt. Von Brücken nutzen das, indem sie ihren Opener, „Das Türen-Paradox“ und das schon traditionelle Damien Rice-Cover zum Schluss a capella in jenen Teil der Kirche singen, in welchem der Schall am stärksten zurückgeworfen wird.

Endlich auf der Bühne zeigt sich die ansteckende Spielfreude. Bei „Gold gegen Blei“ machen Von Brücken direkt klar, dass das Publikum hier kein verstecktes Akustik-Konzert zu erwarten hat. Die Band selbst ist hochmotiviert. Die Kulturkirche war nach eigener Aussage der Ort des ersten Konzertes, also kehrt man nicht nur voll Nostalgie, sondern mit einigen neuen Songs im Gepäck zurück. Die Welt, die Von Brücken in ihrem ersten Album beschrieben hatten, ist nicht verschwunden oder besser geworden. So ist das Konzert auch ein Innehalten vor der Gegenwart und ein Moment, um Bilanz zu ziehen, bevor man wieder mit der Welt draußen in den Dialog treten muss. Konzerte als Therapie? Dies mag abgehoben klingen, fühlt sich aber in einem Ort der Kontemplation und unter dem Eindruck einer Band, die wie wenig über die Differenz von innerer Wahrnehmung und dem Geschehen der Welt singen, definitiv wahr an.

„Lady Angst“ scheint aktueller denn je und scheint den vielen neuen Zuhörern als der 'Brücken'-Song zu dienen, der ihnen einen exemplarisch vorführt, wofür Von Brücken steht. Selten ist Aufbruch und Vergangenheit, die beiden beherrschenden Themen vom Album WEIT WEG VON FERTIG so klar und stimmig kombiniert wurden und diese Kombination verfängt sich auch beim Publikum. Ich für meinen Teil fühle mich endgültig zu Hause, als die ersten Akkorde von „Blendgranaten“ beginnen. Dieses Lied war schon bei meinem ersten Konzert dieser Band mein Lieblingssong und 2016 hat nur einmal wieder gezeigt, wie aktuell er ist (das war bevor ein gewisser Höcke sich über Mahnmale ausließ). Zu so einem Thema alles in einen Song sagen zu können, ist schon ganz großes Tennis. „Elephanten“ und „Die Parade“ gewinnen endgültig das Publikum und harmonisieren mit der sakralen Stimmung des Ortes, während für mich „Irgendwie Alles“ zur Überraschung des Abends gehört, als er sich unauffällig in mein Herz spielt. Man merkt der Band die Freude am Live-Auftritt bei jedem Lied an. Kleineren Problemen wird routiniert begegnet. Die Zahl von schlechten Wortspielen und verschrobenen Ansagen, ein guter Index für die Stimmung in der Band, ist hoch.

Trotz einiger technischer Schwierigkeiten und anhaltender Schmerzen ist das Konzert unglaublich intensiv. Die Atomsphäre ist familiär freundlich, mit der Auswahl der Location hat man nicht nur symbolisch einen Kreis geschlossen, sondern alles getan um den ersten Eindrücken vom neuen Album eine gute Plattform zu geben. Überhaupt die neuen Songs. Nach eigener Aussage wird beim neuen Album „alles auf links gekrempelt“, aber die Fans von WEIT WEG VON FERTIG werden nicht fassungslos vor der neuen Platte stehen. Die ersten Impressionen lassen auf ein wirklich schönes Album hoffen. Hatte man beim ersten Album den Eindruck, dass Von Brücken die volle Vielfalt ihrer musikalischen Möglichkeiten bei jedem Song nutzen wollen, so klingen die neuen Songs klarer und in sich geschlossener, transportieren ihre Botschaft deutlicher. Inhaltlich profitieren Von Brücken von den Angry Pop Wurzeln von Nicolas Müller.

Das Sterben einer Großmutter oder Anxiety, die normalen, alltäglichen Dramen des Lebens, die einen schwerer Treffen als die Nachrichten aus der ach so großen Welt werden unter anderem auf dem neuen Album eine Rolle spielen. Was bleibt ist die Vorfreude auf das neue Album. Und die Hoffnung, dass ein Jahr das mit einem so guten Konzert begann nicht sooo schlecht werden kann.

(Micha Schmidt) 

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